Die Frühen Hilfen sind bereit für eine starke Marke
Professor Dr. Matthias Hastall hat als Mitglied des Beirats der Bundesstiftung Frühe Hilfen und des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen den Markenbildungsprozess Frühe Hilfen in der letzten Berufungsperiode verfolgt. Im Interview spricht er über Vorteile und Herausforderungen der Marke Frühe Hilfen.
Eine Kurzfassung des Gesprächs ist im Frühe Hilfen aktuell 2/2026 erschienen.

Wieso sind Markenbildung und Markenkommunikation zu Frühen Hilfen wichtig?
Zunächst ist wichtig zu betonen: Die Erfolgsgeschichte der Frühen Hilfen beruht auf praktischer Arbeit – und nicht auf Marketing. Das Netzwerk Frühe Hilfen aufzubauen, war eine echte Pionierarbeit, um Familien, die kaum erreicht werden, die benötigte Unterstützung zu bieten. Heute sind die Frühen Hilfen so gut etabliert, dass der Aufbau einer Markenidentität sinnvoll ist, um ihre Sichtbarkeit zu erhöhen und ihre strukturierte Weiterentwicklung zu fördern.
Welchen Vorteil hat eine starke Marke Frühe Hilfen für Familien?
Eine starke Marke steht für die Qualität der Frühen Hilfen und stärkt das Vertrauen der Familien in das Angebot. Gleichzeitig sorgt sie für einen hohen Wiedererkennungswert und hilft bei der Wahrnehmung. Diese Orientierungshilfe ist für Familien vor allem wichtig, da in Deutschland das Sozial- und Gesundheitssystem sehr unübersichtlich ist. Die Marke Frühe Hilfen kann auch dazu beitragen, in den Familien Ängste abzubauen und Stigmatisierung zu reduzieren. Entscheidend ist dabei, wie die Marke ausgestaltet und kommuniziert wird.
Welchen Vorteil hat eine starke Marke Frühe Hilfen für die Netzwerkarbeit und die Arbeit auf der politischen Ebene?
Sie kann das Wir-Gefühl der Netzwerkpartnerinnen und -partner in den Frühen Hilfen stärken. Zusätzlich kann eine starke Marke die Sichtbarkeit der Frühen Hilfen innerhalb des Netzwerks sowie gegenüber Medien und Politik erhöhen. Eine gute Markenkommunikation kann auch dabei helfen, neue Mitarbeitende für die Frühen Hilfen zu gewinnen. Auf politischer Ebene kann das Qualitätsversprechen der Marke Frühe Hilfen dazu beitragen, Unterstützung zu finden und finanzielle Förderung zu verstetigen.
Was ist das Besondere bei der Kommunikation der Marke Frühe Hilfen?
Viele Marken starten, indem sie ein neues Produkt oder ein neues Angebot repräsentieren. Bei den Frühen Hilfen ist es umgekehrt: Das Angebot ist bereits gut etabliert. Die Marke bildet also etwas ab, das sich über viele Jahre organisch entwickelt hat. Außerdem haben die Frühen Hilfen ihr Leistungs- und Qualitätsversprechen bereits bewiesen. Das ist ein sehr guter Ausgangspunkt für die Markenkommunikation. Allerdings ist die Bandbreite der Zielgruppen, die die Marke ansprechen muss, besonders groß. Dazu gehören Familien, insbesondere auch solche mit psychosozialen Belastungen, die Kooperationspartnerinnen und -partner im Netzwerk Frühe Hilfen sowie Personen aus Wissenschaft, Politik und dem Gesundheitssystem. Meist sind die Zielgruppen für eine Marke sehr viel spezifischer. Außerdem sind Markenbildungsprozesse im sozialen Bereich schwieriger als im privaten Sektor.
Welche Herausforderungen gehen mit dem Prozess der Markenkommunikation einher?
Es gibt mehrere Herausforderungen. Zum einen richten sich die Frühen Hilfen besonders an Familien mit besonderen psychosozialen Belastungen und einem entsprechenden Unterstützungsbedarf. Wird die Marke Frühe Hilfen überwiegend damit assoziiert, besteht die Gefahr der Stigmatisierung der Familien, die die Frühen Hilfen in Anspruch nehmen, aber auch der Mitarbeitenden in den Frühen Hilfen durch sogenanntes "Stigma-by-Association".
Hinzu kommt, dass die Frühen Hilfen an kommunale Behörden angebunden sind. Das kann bei einigen Personen Befürchtungen vor Kontrollen hervorrufen. Die aktuelle Markenkommunikation schafft es sehr gut, dies zu verhindern.
Nicht zuletzt zeigt sich in den Frühen Hilfen sehr stark das Präventionsparadox, weil sich Erfolge nicht einfach messen und kommunizieren lassen. Der klassische Marketingansatz "Tue Gutes und rede darüber" lässt sich in der Markenkommunikation der Frühen Hilfen nicht ohne Weiteres umsetzen, zum Beispiel um Familien zu schützen. Weitere Herausforderungen sind eine mögliche Markenermüdung oder die Gefahr, dass einzelne negative Erfahrungen auf die gesamte Marke übertragen werden.
Welche Chancen bietet die Markenkommunikation?
Die Chancen sind riesig: Wenn die Frühen Hilfen nicht bekannt sind, braucht es die Markenkommunikation, damit Familien überhaupt auf die Frühen Hilfen aufmerksam werden. Dies kann dazu beitragen, dass mehr Familien die Angebote in Anspruch nehmen. Sind die Frühen Hilfen bereits bekannt, ist es gut, wenn die Menschen über die Markenkommunikation ein realistisches Bild vermittelt bekommen. Bleibt eine Markenkommunikation aus, ist die Wahrnehmung der Frühen Hilfen nur schwer steuerbar oder sie wird von verschiedenen Interessengruppen in ihrem Sinn beeinflusst.
Viele Personen und Einrichtungen in den Frühen Hilfen leisten bereits hervorragende Kommunikationsarbeit und kennen die Vorteile eines konsistenten Markenauftritts. Fachliche Unterstützung und Markenkommunikation gehen dabei Hand in Hand. Gerade weil die Frühen Hilfen einen so wichtigen Beitrag für Familien leisten, verdienen sie eine professionelle und evidenzbasierte Kommunikation.
FRÜHE HILFEN aktuell
Ausgabe 2/2026: