Migration und Frühe Hilfen

Familien mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung zu betreuen, kann für Fachkräfte und freiwillig Engagierte eine besondere Herausforderung darstellen. Das NZFH bietet ihnen deshalb Informationen, praktische Materialien und Arbeitshilfen.
Fachkräfte erhalten damit Unterstützung, um Familien über die Angebote der Frühen Hilfen zu informieren und die Teilhabe an den Angeboten zu erleichtern. Sprachbarrieren, Aufenthaltsstatus und kulturelle Besonderheiten dürfen nicht zum Ausschluss führen. Die Ansprache der Familien und die Angebote sollten deshalb migrations- und kultursensibel gestaltet sein.
Digitale Sprechstunde "Kulturübergreifende Behandlung"
In der digitalen Sprechstunde am 7. Oktober geht es um Zugänge und Angebote für Familien mit Fluchterfahrungen. Dr. Andrea Hahnefeld und Prof. Dr. Matthias Klosinski stellen darin das Elterncoaching-Programm "Parents‘ College" vor und laden zum Austausch über niedrigschwellige Zugänge sowie kultur- und traumasensible Versorgungsangebote ein.
Eine Anmeldung ist bis zum 25. September möglich.
Weitere Informationen zur Sprechstunde und zur Anmeldung: Digitale Sprechstunden
Aus der NZFH-Forschung
Im Bereich der Forschung blickt das NZFH auf Belastungslagen und besondere Bedarfe von zugewanderten und geflüchteten Familien sowie deren Versorgung.
In einer Zusatzerhebung zur Repräsentativbefragung KiD 0-3 2022 hat das NZFH die Perspektive von ukrainischen Eltern mit kleinen Kindern untersucht, die seit Kriegsbeginn im Februar 2022 nach Deutschland geflüchtet sind. 140 Eltern haben einen Online-Fragebogen ausgefüllt, 17 Personen sind zusätzlich vertiefend interviewt worden.
Die Interviewten beschrieben insbesondere psychische Belastungen durch Krieg und Flucht sowie emotionale Belastungen wie Gefühle von Einsamkeit und Niedergeschlagenheit sowie Hindernisse bei der Integration. Ressourcen waren vor allem Netzwerke ukrainisch- und russischsprachiger Menschen in Deutschland sowie persönliche Ressourcen wie Selbstfürsorgekompetenz.
Bei Familien mit Migrations- oder Fluchthintergrund zeigen sich in höherem Maße Zugangsbarrieren zu den Frühen Hilfen als bei andere Familien. Diese Barrieren gehen mit besonderen Herausforderungen durch (noch) unzureichende Deutschkenntnisse und Unvertrautheit mit dem deutschen Sozial- und Gesundheitssystem einher.
KiD 0-3 2015 hatte gezeigt, dass Familien mit Migrationshintergrund über Unterstützungsangebote für Familien mit Kindern bis zu drei Jahren weniger gut informiert sind als Familien ohne Migrationshintergrund. Mit Ausnahme der Schwangerschaftsberatung und einiger aufsuchender Angebote wie die der Familienhebammen nutzen Familien mit Migrationshintergrund verfügbare Unterstützungsangebote weniger als Familien ohne Migrationshintergrund.
Tiefeninterviews mit Eltern, die aus der Ukraine geflüchtet sind, haben gezeigt, dass Angebote zur Kinderbetreuung, Sprachkurse und Unterstützung in Gesundheitsfragen als besonders hilfreich galten.
Eine Zusatzergebung der Kommunalbefragung im Jahr 2023 hat die Versorgung von geflüchteten Familien in den Frühen Hilfen untersucht. Zur Überwindung von Sprachbarrieren setzten Kommunen im Jahr 2022 bei der Betreuung geflüchteter Familien auf übersetzende Laien und digitale Hilfsmittel. Rund zwei Drittel setzten Fachkräfte mit Fremdsprachenkenntnissen ein, knapp die Hälfte griff auf zertifizierte Dolmetschende zurück. Ein hoher Bedarf wurde für die Qualifizierung von Fachkräften deutlich: Gut drei Viertel der Kommunen gaben an, dass die Fachkräfte für die Versorgung traumatisierter Geflüchteter nicht ausreichend geschult waren.
Eine qualitative Studie hat Spannungsfelder seitens der Fachkräfte aufgezeigt, die mit zugewanderten Familien arbeiten. Aufgrund der oftmals komplexen Problemlagen von zugewanderten Familien müssen sie Bedarfe und Unterstützung für die Familien häufig priorisieren. Die Studie blickte auch auf Beziehungsaufbau und den Umgang mit komplexen Problemlagen.
Ausführliche Informationen und Ergebnisse der genannten Studien sind unter anderem in den folgenden Publikationen zu finden:
- Faktenblatt 7 zu KiD 0-3 2022: Belastungen und Angebotsnutzung von geflüchteten Familien aus der Ukraine
- KiD 0-3 2022: Artikel im Bundesgesundheitsblatt 12/2024: "Man sitzt in einer Seifenblase, während die anderen Menschen leben"
- Kommunalbefragung 2023: Faktenblatt: Versorgung von geflüchteten Familien
- Qualitative Studie 2018-2019: Kompakt: Balanceakte: Beratung und Vermittlung für Familien mit Migrations- und Fluchterfahrung
- KiD 0-3 2015: Faktenblatt 6: Kenntnis und Nutzen von Unterstützungsangeboten
Angebote für Fachkräfte
Das NZFH unterstützt Fachkräfte in unterschiedlichen Arbeitsbereichen:
- Das Qualifizierungsmodul "Transkulturell kompetentes Handeln in den Frühen Hilfen" dient der Fort- und Weiterbildung von Fachkräften in den Frühen Hilfen.
- In der Publikation Frühe Hilfen für geflüchtete Familien. Impulse für Fachkräfte finden Fachkräfte Hintergrundinformationen, Praxis- und Methodenbeispiele sowie Anregungen zur Selbstreflexion.
- Schweigepflichtentbindungen für Gespräche mit Eltern bietet das NZFH auf Deutsch und in elf zweisprachigen Versionen an: Die Schweigepflichtentbindung
- Eine Arbeitshilfe enthält Handlungsempfehlungen rund um die Schweigepflicht: Schweigepflichtentbindung kommunizieren – Sprachbarrieren überwinden
- Auf der Plattform Frühe Hilfen und Flucht bündelt das NZFH Unterstützungsangebote, Informationen und Arbeitshilfen für Fachkräfte, die geflüchtete Familien begleiten oder betreuen.
- Ein Infopapier nennt zentrale Eckpunkte, die bei der Planung eines telefonischen Übersetzungsdienstens helfen können.
- Medien für Eltern können in der Publikationensuche nach Sprachen gefiltert werden.
- Auf www.elternsein.info hat das NZFH Beratungsangebote und wichtige Informationen für Schwangere und Familien auch auf Ukrainisch, Englisch und Russisch zusammengestellt. Die Website informiert in diesen Sprachen auch über Frühe Hilfen.

Qualifizierungsmodul: Transkulturelle Kompetenzen
Quellen und zentrale Publikationen
Sann, Alexandra / Küster, Ernst-Uwe / Pabst, Christopher / Peterle, Christopher (2022): Entwicklung der Frühen Hilfen in Deutschland. Ergebnisse der NZFH-Kommunalbefragungen im Rahmen der Dokumentation und Evaluation der Bundesinitiative Frühe Hilfen (2013–2017)
Materialien zu Frühen Hilfen, Band 14, Seiten 43-46




