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Herausforderungen durch Extremismus für die Kinder- und Jugendhilfe

Wo liegen mit Blick auf Familien aus extremistischem Umfeld die größten Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe?

Unter den Expertinnen und Experten des 8. Fachgesprächs im Kinderschutz des NZFH Ende 2025 entwickelte sich eine angeregte Diskussion hinsichtlich der Zusammenarbeit mit Familien aus einem extremistischen Umfeld. Übergreifend lässt sich erkennen, dass es sich sowohl um fachliche als auch um strukturelle Herausforderungen handelt.

1. Erschwerte Bedingungen für die Entwicklung von Routinen und den Aufbau von vernetzten Strukturen

Von den Expertinnen und Experten wurde festgehalten, dass einzelne Fachkräfte bisher eher selten mit Gefährdungsfällen von Familien aus einem extremistischen Umfeld konfrontiert sind, obwohl die Fallzahl insgesamt nicht gering ist. Das erklärt einerseits die großen fachlichen Unsicherheiten und erschwert zugleich den Aufbau von Erfahrungswissen und professionellen Routinen. Darüber hinaus wachsen vernetzte Strukturen vor allem dort, wo Zusammenarbeit regelmäßig notwendig ist und sich die beteiligten Akteure bereits kennen. Vor diesem Hintergrund ist es eine Herausforderung, die Vernetzung zwischen Jugendämtern und den mehrheitlich überregional angesiedelten Fachberatungsstellen zu etablieren.


2. Unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten und -hürden durch unterschiedliche weltanschaulich-religiöse Ansichten

Unterschiedliche Formen von Extremismus gehen mit jeweils spezifischen Herausforderungen bei der Gestaltung des Zugangs zu den Familien einher. So ist der Zugang zum Beispiel zu sogenannten Reichsbürgerinnen und Reichsbürgern zusätzlich dadurch erschwert, dass sie staatliche Institutionen – und damit auch das Jugendamt und seinen staatlichen Schutzauftrag – grundsätzlich ablehnen.

Mit Blick auf eine erfolgreiche Gestaltung von Zugangsmöglichkeiten wird es unter den Expertinnen und Experten als bedeutsam angesehen, dass Fachkräfte über grundlegendes Wissen zu den zunächst als „anders“ oder „fremd“ erscheinenden Weltbildern verfügen und gegenüber Eltern und Kindern ein ernsthaftes Interesse an deren Lebenswelt erkennen lassen.


3. Unterschiedliche Gefährdungsformen im Kontext des Aufwachsens in einem extremistischen Umfeld

Fehlsozialisation ist bisher ein im Kinderschutz nur wenig beachtetes Konzept, das auch in Schulungen nur selten Beachtung findet. Insofern gibt es kaum fachliche Strategien oder Arbeitshilfen, die Fachkräfte bei der Einschätzung unterstützen können, inwieweit das Erreichen des zentralen Sozialisationsziels der Gemeinschaftsfähigkeit (§1 Abs. 1 SGB VIII) gefährdet ist.

Neben Fehlsozialisation können in diesen Fallkonstellationen jedoch auch Misshandlung, sexualisierte Gewalt oder Vernachlässigung eine Rolle spielen, wenn entsprechendes Handeln oder Unterlassen durch weltanschauliche oder religiöse Ideologien legitimiert beziehungsweise begünstigt wird. Obwohl es sich hierbei um die „klassischen“ Gefährdungsformen handelt, stehen die Fachkräfte auch hier vor besonderen Herausforderungen, zum Beispiel, wenn es sich um religiöse Gemeinschaften handelt, in denen eine Gruppe von Menschen nach der gleichen Überzeugung innerhalb eines weitgehend geschlossenen sozialen Systems lebt.


4. Sicherstellung des Schutzes von Fachkräften

In Fällen des Aufwachsens in einem extremistischen Umfeld erstreckt sich das familiäre Umfeld, mit dem Fachkräfte konfrontiert sind, häufig über die Kernfamilie hinaus auf eine größere Gemeinschaft, zum Beispiel religiöse, weltanschauliche oder politische Gemeinschaften. Dies führt laut den teilnehmenden Expertinnen und Experten immer wieder zu besonderen Bedrohungslagen der Fachkräfte.

Vor diesem Hintergrund wurde hervorgehoben, dass Fachkräfte für potenzielle Gefährdungen in besonderer Weise sensibilisiert und durch ihre Leitung fachlich wie organisatorisch eng begleitet werden sollten. Darüber hinaus wurde empfohlen, bei der Planung und Umsetzung von Schutzmaßnahmen – etwa im Zusammenhang mit einer Inobhutnahme – mit besonderer Sorgfalt vorzugehen.


5. Entwicklung spezifischer Hilfen und Qualifizierung der Konzeption von Hilfe und Schutz

Die Mitwirkungs- und Veränderungsbereitschaft der Eltern stellt eine zentrale Voraussetzung für wirksame Hilfekonzepte im Kinderschutz dar. In der Zusammenarbeit mit extremistischen Gruppierungen, die staatliche Institutionen und Hilfen ablehnen, kann die Erarbeitung dieser Mitwirkungs- und Veränderungsbereitschaft eine noch größere Herausforderung darstellen. In der Diskussion wurde Bedarf dafür gesehen, spezialisierte Hilfekonzepte für die Arbeit mit extremistischen Gruppierungen zur Verfügung zu stellen. Ebenso wurde es als sinnvoll erachtet, Fachkräfte mit spezifischem Wissen über Besonderheiten bei der Planung von Hilfe- und Schutzmaßnahmen auszustatten.

In diesem Zusammenhang wurde unter anderem auch diskutiert, dass Kinder, die aus einem extremistischen Umfeld herausgenommen und untergebracht werden, gegebenenfalls besondere Begleitung und Unterstützung benötigen. 

Fazit

Die Diskussion zeigte, dass Kinderschutz in Fällen des Aufwachsens in extremistischen Kontexten mit besonderen fachlichen, strukturellen und sicherheitsbezogenen Herausforderungen verbunden ist. Erschwert werden Einschätzung, Zugang und Hilfeplanung insbesondere durch geringe Routinen, begrenztes Erfahrungswissen, unterschiedliche ideologische Hintergründe sowie besondere Anforderungen an Kooperation und Fachkräfteschutz. Deutlich wurde zudem, dass es sowohl an spezifischen fachlichen Konzepten und Qualifizierungsangeboten als auch an tragfähigen vernetzten Unterstützungsstrukturen fehlt, um Kinder in diesen Konstellationen wirksam zu schützen.