Zusammenfassung der Veranstaltung

Die Rapporteure Prof. Dr. Michael Kölch, Sektion Pädagogik, Jugendhilfe, Bindungsforschung und Entwicklungspsychopathologie am Universitätsklinikum Ulm und Prof. Dr. Albert Lenz, Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Paderborn, Institut für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie, Paderborn fassten die diskutierten Hauptleitlinien in der Versorgung von Kindern mit psychisch kranken Eltern zusammen.

Prof. Dr. Michael Kölch und Prof. Dr. Albert LenzIm dialogischen Austausch fassten Prof. Dr. Michael Kölch und Prof. Dr. Albert Lenz die Veranstaltung zusammen.

Wir wissen eigentlich alles theoretisch, tun es aber nicht wirklich.

Prof. Dr. Michael Kölch fokussierte - auch mit Blick auf den Parlamentarischen Abend mit den Mitgliedern des Deutschen Bundestages - die Struktur- und Handlungsdefizite der Thematik in dem folgenden Satz: „Wir wissen eigentlich alles theoretisch, tun es aber nicht wirklich.“ Prof Dr. Daniel S. Schechter zeigte in seinem Vortrag auf wissenschaftlicher Ebene das Wissen über Problemverläufe und mögliche Interventionen auf. Prof. Dr. Harald Freyberger und Prof. Dr. Sabine Wagenblass erläuterten, wo die Probleme und Defizite in der Zusammenarbeit liegen sowie, wen die Hilfesysteme erreichen; aber auch nicht erreichen. 

Nicht jeder weiß alles. Beziehungsweise: Man kennt den nicht, der weiß, was ich nicht weiß.

Dies führte zu einem zweiten zentralen Satz, der als Fazit auch das Band um die sechs Workshops der Veranstaltung legte: Es gibt viel Spezialwissen in den einzelnen beteiligten Professionen und Disziplinen. Wir wissen daher eigentlich, wer intervenieren kann. Aber: Nicht jeder weiß alles. Beziehungsweise: Man kennt nicht den, der weiß, was ich nicht weiß. Vielleicht, weiß man, wer theoretisch etwas wissen könnte, hat aber noch keinen Kontakt zu der entsprechenden Person/Einrichtung. Beziehungsweise es gibt bislang keine Zusammenarbeit. 

Wer bekommt welchen Zugang zu den Familien?

Unmittelbar mit der Frage „Wer weiß etwas über die Familien“ ist die Frage verbunden „Wer bekommt Zugang zu den Familien?“ In mehreren Workshops ging es daher um die Frage: „Bei wem kann sich die Mutter denn öffnen?“ und „Wer hat die Zeit dafür?“

Es zeigte sich, dass es nicht „DEN“, sondern sehr viele unterschiedliche Zugänge zu den Familien gibt. Daher besteht die Aufgabe im lokalen Feld zu analysieren, welche Konstellationen sind vorhanden und welche Zugangsmöglichkeiten bestehen bei unterschiedlichen und auch unterschiedlich schweren Problemlagen. Weiterhin liegt die Herausforderung darin zu identifizieren, wer am besten stigmatisierungsfrei die Familien motivieren kann, Hilfen in Anspruch zu nehmen?

Psychisch kranke Eltern - ein breites Feld

„Rund 30 Prozent der Patienten in der Erwachsenenpsychiatrie sind Eltern“, erinnerte Prof. Dr. Albert Lenz in seiner Zusammenfassung der Tagung. In psychotherapeutischen und psychosomatischen Kliniken sind es sogar 70-75 Prozent. Damit stellen psychisch kranke Eltern eine große relevante Gruppe sowohl im klinischen als auch im ambulanten Versorgungsbereich dar.

Vom Kind aus denken

Ein zentraler Gedanke, der sich als Gesprächsfaden durch mehrere Workshops zog, war: „Vom Kind aus denken“ und nicht so sehr von den Diagnosen aus. Wichtig sei, Wissen zu haben sowohl über Spezifika der elterlichen Erkrankung als auch über die weiteren krankheitsunspezifischen psychosozialen Faktoren und Belastungen. Zudem werden bestimmte Auffälligkeiten bei Kindern abhängig von der psychischen Störung der Eltern auch unterschiedlich wahrgenommen. Eine depressive Mutter nimmt Verhaltensweisen beim Kind anders wahr. 

Die eigene Rolle und die der anderen kennen

Mehrere Workshops reflektierten die Frage: „Was sind meine Rolle, meine Aufgabe, meine Grenzen und auch die der anderen?“ sowie: „Was kann ich leisten und was können der Psychiater, der Psychotherapeut und die Jugendhilfe?“ Die Antwort auf die Frage der Moderierenden, warum die Teilnehmenden dieses Wissen noch nicht haben, sind diese „ein wenig schuldig geblieben“. Ein Grund könnte darin liegen, dass die Vermittlung klinischer Aspekte, wie zum Beispiel entwicklungspathologisches Wissen, in Fachhochschulstudiengängen nicht besonders ausgeprägt sind.

Inventare zur Identifizierung von Ressourcen

Ergänzend zu den etablierten Risikoinventaren von Belastungen und Störungen sind auch Inventare zur Erfassung von Ressourcen der Eltern aber auch der Partner wichtig. Sie stellen Ansatzpunkte für Veränderung dar. Die Wahrnehmung von Ressourcen ist ein wesentliches Elixier für die Etablierung und Stärkung der Hilfebeziehung. Diese Beziehung ist Voraussetzung, um Vertrauen schaffen zu können. 

Zeitachse als strukturelles Problem 

Ein wichtiges Thema besteht darin, auch die Zeitachse im Blick zu behalten: Wann gehe ich in Hilfen hinein? Was sind die angemessenen Hilfen? Wann ist welcher Schritt sinnvoll unter Beachtung der Defizite aber auch der Ressourcen? Und: Wie geht es nach dem dritten Lebensjahr weiter? In vielen Fällen bräuchte es nicht zeitlich befristete sondern längerfristige Hilfen. 

Intervention und Prävention

Prof. Dr. Michael Kölch bewertete es als auffällig, dass in vielen Workshops zwar über die Interventionen im konkreten Fall aber wenig über die Gelingensfaktoren von Prävention gesprochen wurde. 

Kooperation und Vernetzung

In mehreren Workshops wurde der Aspekt der Kooperation und Vernetzung auch zur eigenen Überraschung der Teilnehmenden behandelt: „Wir haben doch schon so oft darüber gesprochen und immer noch ist es ein Thema.“ Etwas, das immer wieder zum Thema wird, zeigt – so Prof. Dr. Michael Kölch –, dass es noch unerledigt sei. Prof. Dr. Albert Lenz konfrontierte das Plenum mit der Frage, ob wir denn davon überzeugt sind, dass wir nur im gemeinsamen Tun mit anderen eine wirksame Hilfe leisten können? In Ausbildung und Studium müsste verdeutlicht werden, dass Kooperation Kompetenzen erfordert und ein Wirkfaktor für das Gelingen von Hilfen neben dem therapeutischen und dem methodischen Wissen ist.