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Über den Tellerrand hinaus

Die Vorsitzende des NZFH-Beirats betont die Bedeutung der länderübergreifenden Zusammenarbeit Früher Hilfen.

Welchen Nutzen hat eine länderübergreifende Zusammenarbeit Früher Hilfen im deutschsprachigen Raum?

Eine Zusammenarbeit von Systemen Früher Hilfen macht überall Sinn: vor Ort, regional, landesweit und international. Durch den multiprofessionellen Ansatz können sich unterschiedliche Fachdisziplinen austauschen und über den eigenen professionellen Tellerrand hinausschauen. Andererseits können Angehörige ähnlicher Berufsgruppen sich mit Fachkolleginnen und -kollegen austauschen und sich fortlaufend über den Stand des aktuellen Wissens in Forschung und Praxis informieren. Der Austausch innerhalb des deutschsprachigen Raums lohnt sich besonders, da die Verständigung in der Muttersprache leichter ist als in einer gemeinsamen dritten Sprache. Gerade Aspekte der sozialen Beziehungsarbeit verlangen sehr gute persönliche Ausdrucksmöglichkeiten. Ein weiteres Argument ist, dass bei allen Verschiedenheiten die Angebotsstrukturen in Deutschland, Österreich und der Schweiz mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen. Das Lernen aus Erfahrungen mit systemischen Barrieren, aber auch fördernden Faktoren, kann dazu führen, dass Verbesserungen schneller eintreten. Nicht jeder muss die gleichen Fehler wiederholen, um daraus zu lernen. Modelle guter Praxis werden so schneller ausgetauscht und bedeuten einen Gewinn für alle Länder.

Warum ist internationaler fachlicher Austausch wichtig?

Er ist wichtig, weil die Diversität in unseren Gesellschaften zunimmt und Migrationserfahrung zur Normalität in offenen Gesellschaften gehört. Der Austausch über kulturelle und historische Besonderheiten in den Herkunftsländern kann helfen, die Angebotsstrukturen dieser Diversität anzupassen. Ein weiteres Argument ergibt sich aus der Forschungspraxis: Forschung findet heute überwiegend international statt und die Ergebnisse werden in der Praxis häufig nur vor Ort mit den Praxispartnern kommuniziert und positive Ergebnisse umgesetzt. Durch internationalen fachlichen Austausch können sowohl Praxismodelle als auch wissenschaftliche Forschungsergebnisse erläutert und miteinander geteilt werden.

Was muss hierbei beachtet werden?

Bei der Interpretation von Forschungsergebnissen muss beachtet werden, dass gerade in den Bereichen der Praxisforschung zu Frühen Hilfen die Ausgangsbedingungen und Kontextfaktoren großen Einfluss auf die Ergebnisse haben. Es ist wichtig zu prüfen, ob Projekte, Modelle und Forschung mit den Betroffenen partizipativ entwickelt und durchgeführt wurden. Die Übertragbarkeit von Ergebnissen ist sonst schwer abzuschätzen. Projekte aus anderen sozialen und kulturellen Kontexten können nie eins zu eins übertragen werden.

Welche Bedeutung haben Forschung und Qualitätsentwicklung in diesem Prozess?

Forschung schafft neues Wissen, belebt den Diskurs unter Praktikern und Wissenschaftlern und stellt bisherige Annahmen immer wieder in Frage. Qualitätsentwicklung demgegenüber ist ein eigenständiger, meist lokalgebundener Prozess, der sich allerdings an den neuesten wissenschaftlichen und praxisorientierten Erkenntnissen orientieren muss. Eine optimale Qualität der Prozesse ist ja nur dann sinnvoll, wenn auch die angestrebten Ziele erreicht werden. Diese Ziele müssen mit den beteiligten Kindern und Familien immer wieder neu verhandelt werden.

Wo sehen Sie Visionen und Ziele Früher Hilfen im globalen Kontext?

Die Visionen und Ziele werden durch das „Nurturing Care Framework“, d. h. das Rahmenprogramm für unterstützende Pflege und Erziehung der ganz kleinen Kinder, gesteckt. Dieses Rahmenprogramm ist gemeinsam von UNICEF und der WHO entwickelt worden und anwendbar auf alle Länder der Welt. Es geht darum, bereits während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren damit zu beginnen, die Voraussetzung für eine bestmögliche Entwicklung der Kinder abzusichern. Neben der Garantie für basale Versorgung mit Schutz, Nahrung, Wasser und Obdach stehen hier insbesondere die gewaltfreie Erziehung, Vermeidung von jeglicher Deprivation und Förderung von sicheren Bindungen zwischen Bezugspersonen und kleinen Kindern im Zentrum der Bemühungen. Erzwungene Flucht durch Klimaveränderung und Kriege sind die größten Herausforderungen für die Kindergesundheit weltweit. Dies betrifft nicht nur die Länder, wo aktuell Naturkatastrophen oder Kriege herrschen, sondern beeinflusst auch offene Gesellschaften wie unsere, die Kinder mit schwierigen Erfahrungen aufnehmen und weiter begleiten möchten. Aber auch in unseren reichen Ländern spielen Gewalt, Deprivation und Umweltveränderungen eine große Rolle, die als gesamtgesellschaftliche Probleme gemeinsam angegangen werden müssen.

Wo stehen wir hier aus Ihrer Sicht?

Um hier grundsätzlich weiterzukommen, müssen über die Frühen Hilfen hinaus weitreichendere gesellschaftliche Entwicklungen in Angriff genommen werden. Leider ist es in den letzten zehn Jahren nicht gelungen, viele der ehrgeizigen Ziele des 13. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung umzusetzen. Insbesondere ist es nicht gelungen, die zunehmende Kinderarmut und damit Bildungsbenachteiligung zu begrenzen. Aktuell werden sehr viele Anstrengungen unternommen, dies zu verändern. Die strukturelle Benachteiligung von Familien mit Kindern in unserer Gesellschaft macht auch den Frühen Hilfen die Arbeit schwer, denn nicht immer reichen die persönlichen Ressourcen der Eltern aus, um die soziale Benachteiligung zu überwinden und ihren Kindern gute Entwicklungsbedingungen zu bieten. Allerdings wird dies nicht durch einzelne Leuchtturmprojekte oder Initiativen gelingen, sondern es braucht gemeinsame, nachhaltige Anstrengungen der gesamten Gesellschaft und der gesamten Regierung. Die Gesundheit und Förderung sowie der Schutz der ganz Kleinen sollte eine prioritäre Aufgabe der Politik sein. Die Aufnahme der Kinderrechte in das Grundgesetz könnte ein wesentlicher Meilenstein werden, dieses Bewusstsein zu fördern und nachhaltig zu verankern. Eltern werden gestärkt, nachdrücklich für die Rechte ihrer Kinder einzutreten und an gesamtgesellschaftlichen Veränderungen mitzuwirken. Die Politik muss handeln und vor allem besser zusammenarbeiten, aber ohne zivilgesellschaftliches Engagement wird das nicht gehen. Die Kinder müssen in einer warmen Mitte in der Gesellschaft aufwachsen können.

Prof. Dr. Ute Thyen ist Kinderärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Lübeck und Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin.

Infodienst Frühe Hilfen aktuell

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