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Vertiefungsstudie – Ausgewählte Ergebnisse

Informationen zur Stichprobe der Längsschnittstudie sowie ausgewählte Ergebnisse zu Effekten familiärer Lebenslagen und Belastungen auf die kindliche Entwicklung, dem Zusammenhang zwischen psychosozialen Belastungen und dem Misshandlungsrisiko sowie zu Ergebnissen der Prävalenzforschung zu Vätern

Soziodemografische Merkmale der Stichproben

Insgesamt nahmen 197 Kinder und ihre Familien an der Studie teil, davon waren 98 in der jüngeren Kohorte und 99 in der älteren Kohorte.  In ca. 97% der Familien nahmen die Mutter und der Vater an der Erhebung teil. Auf der Grundlage der in der Pilotstudie erhobenen Risikomerkmale und entsprechender Einteilung in drei verschiedene Belastungsgruppen, waren 26.4% der teilnehmenden Familien hoch belastet. Während diese im Durchschnitt 5.44 Risikofaktoren aufwiesen, wiesen mittel belastete 2.30 Risikofaktoren und niedrig belastete im Mittel nur 0.54 Risikofaktoren auf.
Im Mittel waren die Kinder 15.25 Monate alt. Die Hälfte der teilnehmenden Kinder war männlich. Die Hauptbezugsperson des Kindes, die die vorliegenden Angaben machte, war in 191 Fällen (97%) die Mutter, in 5 Fällen der Vater und in einem Fall die Großmutter des Kindes.
89% gaben an, mit dem anderen leiblichen Elternteil des Kindes zusammenzuleben. Allerdings gaben im Vergleich nur 84% an, ihr Kind auch mit einer anderen Bezugsperson zusammen zu erziehen (in einigen Fällen trotz Zusammenlebens, keine Gefühl das Kind gemeinsam zu erziehen).
Ein Viertel der Hauptbezugsperson besaß einen Migrationshintergrund. 14% der Familien leben von staatlichen Leistungen. Nach der internationalen Standardklassifikation des Bildungswesens sind 10% der Hauptbezugspersonen einem niedrigen Bildungsgrad zuzuordnen, 38% einem mittleren Bildungsgrad und knapp über die Hälfte einem hohen Bildungsgrad.

Direkte Effekte familiärer Lebenslagen und des Ausmaßes an Belastung auf die kindliche Entwicklung

In der ersten Erhebungswelle wurden Einflüsse familiärer Lebenslagen auf die kindliche Entwicklung untersucht und ausgewertet:

Der Entwicklungsstand der Kinder wurde mit drei Skalen erfasst: kognitive Entwicklung, expressive und rezeptive Kommunikation. Mit zunehmender Belastung nahmen die Entwicklungswerte der Kinder in den Bereichen kognitive Entwicklung und expressive Kommunikation linear ab. Einflüsse familiärer Belastung wurden in beiden Altersgruppen festgestellt. (s. Abb. 1)

Das Temperament der Kinder wurde ebenfalls mit drei Skalen erfasst: Extraversion, negativer Affekt und Selbstregulation. Es zeigten sich Effekte familiärer Belastung auf das Temperament. Kinder aus wenig belasteten Familien wiesen weniger negative Affektivität auf als Kinder aus mittel und hoch belasteten Familien. Es reicht also ein mittleres Ausmaß von Belastung, um die emotionale Befindlichkeit der Kinder zu beeinträchtigen. Bezüglich Selbstregulation und Extraversion wurden Beeinträchtigungen erst bei hoher Belastung festgestellt. (s. Abb. 2)

Als Problemverhalten der Kinder wurden psychische Auffälligkeiten oder ein weiterer Bedarf an spezifischer Diagnostik in den Bereichen emotionaler Probleme und Verhaltensprobleme erfasst. Während in der jüngeren Altersgruppe ein erhöhtes Auftreten nur bei Kindern aus hochbelasteten Familien festzustellen war, stellt in der älteren Gruppe bereits ein mittleres Ausmaß von Belastung ein Risiko für das Auftreten von Problemverhalten bei den Kindern dar. Hier deutet sich eine langfristige kumulative Wirkung bereits durch ein mittleres Ausmaß an Belastung an. (s. Abb. 3)

Die Befunde weisen deutlich auf den Einfluss familiärer Belastung auf die kindliche Entwicklung hin. Die Analysen zeigen, dass sich Belastung teils linear auf die kindliche Entwicklung auswirkt, teils jedoch auch bereits ein mittleres Ausmaß an Belastung zu Einschränkungen in der Entwicklung führen kann. Somit müssen Frühe Hilfen nicht nur hochbelasteten Familien, sondern auch schon beim Vorliegen einer geringeren Anzahl von familiären Belastungsmerkmalen, angeboten werden.

Zusammenhang zwischen psychosozialen Belastungen und dem Misshandlungsrisiko

In einer weiteren Teilauswertung wurden verschiedene Daten zu elterlichen Risikofaktoren und dem Zusammenhang zwischen psychosozialen Belastungen und dem Misshandlungsrisiko bzw. tatsächlicher Misshandlung und zur Nutzung Früher Hilfen betrachtet:

  • Deskriptive Statistiken der elterlichen Risikofaktoren - im Vergleich zu internationalen Stichproben: Der Stresslevel der vorliegenden Stichprobe war deutlich höher als der einer Vergleichsstichprobe. Bezüglich der elterlichen Selbstwirksamkeit fanden sich keine Unterschiede, ebenfalls keine bedeutsamen Unterschiede wurden hinsichtlich der Partnerschaftszufriedenheit gefunden, 11,3% der Befragten beschrieben ihre Partnerbeziehung als angespannt. 
    Die Auswertung der Erfassung depressiver Symptome erfolgte auf zwei Arten: nach Auswertung der Skala nach Art der Symptomatik fanden sich bei 3,7% der Befragten Hinweise auf depressive Erkrankungen, bei 2,6% fanden sich Hinweise auf eine schwere Depression (Major Depression); 93,7% wiesen kein Risiko für eine depressive Erkrankung auf. Die Auswertung der Daten mithilfe eines Summenscores zur Schwere der depressiven Symptomatik ergab bei 90,9% kein Risiko für eine depressive Erkrankung, bei 9,1% fanden sich demnach Hinweise auf eine Depression.
     
  • Zusammenhang von Risikofaktoren mit dem Misshandlungsrisiko (B-CAPI-Misshandlungsskala): Es zeigten sich hochsignifikante Zusammenhänge zwischen den Daten des Misshandlungsrisikos und den elterlichen Risikofaktoren: Als einzelner Risikofaktor hatte die elterliche Stressbelastung den bedeutsamsten Einfluss auf das Misshandlungsrisiko. 
    Wurde eine Kombination von Risikofaktoren zur Vorhersage des Misshandlungsrisikos herangezogen, konnte eine Kombination aus der elterlichen Ärgerneigung, dem elterlichen Stress, depressiven Symptomen, Konflikten um die Kindererziehung und Armut den Wert auf der Misshandlungsskala am besten vorhersagen und 63% der Varianz in den Werten aufklären. Zudem konnten Konflikte in der Kindererziehung als weiterer Einflussfaktor auf das Misshandlungsrisiko identifiziert werden. Armut stellte in dieser Studie einen weiteren – jedoch weniger bedeutsamen – Einflussfaktor auf das Risiko für Kindeswohlgefährdung dar.
    Die geringsten Korrelationen des Misshandlungsrisikos ergaben sich mit der sozialen Unterstützung sowie den beiden kindbezogenen Risikofaktoren Belastung durch Regulationsprobleme und den elterlichen Belastungen, die sich aus Eigenschaften und Verhaltensweisen der Kinder ergeben. Es zeigte sich jedoch, dass Personen mit geringerem Bildungsstatus und Abhängigkeit von staatlichen Leistungen höhere Werte auf der Misshandlungsskala aufwiesen.
    Die vorliegende Studie konnte belegen, dass die Summe an Risikofaktoren über die Bedeutsamkeit einzelner Risikofaktoren hinaus zur Vorhersage des Misshandlungsrisikos beitragen kann. Kein einzelner Risikofaktor konnte ähnlich zur Varianzaufklärung beitragen wie die Summe der Belastungsfaktoren.  
     
  • Zusammenhänge zwischen Misshandlungsrisiko und tatsächlicher Misshandlung und Kindeswohlgefährdung: Es wurden bedeutsame Zusammenhänge zwischen dem Misshandlungsrisiko und der tatsächlichen Misshandlung (incl. Partnerschaftsgewalt) gefunden. Insgesamt berichteten die Eltern dieser Studie häufiger von häuslicher Gewalt als von Kindeswohlgefährdung im engeren Sinne, was sich mit den Erkenntnissen anderer Studien deckt. Insgesamt gaben 11,2% der Eltern an, dass ihre Kinder massiven elterlichen Streitigkeiten oder Partnerschaftsgewalt ausgesetzt sind. Im Vergleich wurde nur bei 3,1% mindestens eine Form der Kindeswohlgefährdung im engeren Sinne berichtet.
    Es zeigte sich außerdem ein Zusammenhang zwischen der Misshandlungsskala und der tatsächlichen Kindeswohlgefährdung. Dieser Zusammenhang ließ sich statistisch jedoch nur für die Gesamtstichprobe sowie die validen Protokolle nachweisen.
     
  • Bedeutung des Misshandlungsrisikos für die Nutzung Früher Hilfen: Ein differenziertes Bild bezüglich der Nutzung der Frühen Hilfen ergab sich beim Vergleich primärpräventiver und sekundärpräventiver Angebote. Primärpräventive Angebote, wie Eltern-Kind-Kurse und Sport- und Wohlfühl-Angebote, wurden jeweils signifikant häufiger von Familien mit geringem Misshandlungsrisiko genutzt. Von ihnen wurden sekundärpräventive Angebote wesentlich seltener in Anspruch genommen. 
    Personen, die Beratung bei Regulationsproblemen, Erziehungs- oder Onlineberatung – also sekundärpräventive Angebote – in Anspruch genommen haben, wiesen höhere Mittelwerte auf der B-CAPI-Misshandlungsskala auf, also ein höheres Misshandlungsrisiko. Tendenziell bedeutsam wurde dieser Unterschied für Hilfen durch das Jugendamt, wie zum Beispiel eine Sozialpädagogische Familienhilfe oder einen Erziehungsbeistand. Familien, die solche Angebote nutzen oder angeboten bekommen haben, wiesen ein höheres Misshandlungsrisiko auf. Lediglich im Bereich Frühförderung zeichnete sich ein entgegengesetztes (nicht signifikantes) Bild ab, dass Personen die Frühförderung nutzen auch geringere Misshandlungsrisiken haben.

Ergebnisse der Prävalenzforschung zu Vätern

Die im Rahmen der Vertiefungsstudie erhobenen Daten wurden außerdem hinsichtlich der Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Bezugspersonen (Mütter und Väter) und Belastungsgruppen sowie auf Vorhersagefaktoren des Entwicklungsstandes des Kindes ausgewertet.

  • Rolle der Väter in der soziodemografischen Verteilung der Stichprobe: Bei 97% der 197 teilnehmenden Familien war ein Vater des Kindes vorhanden, wobei es sich bei 1,0 % nicht um den leiblichen Vater, sondern um eine soziale Vaterfigur (z.B. neuer Partner der Mutter) handelte. Bei 5 der befragten Familien war der Vater die Hauptbezugsperson des Kindes.  
     
  • Unterschiede zwischen Vätern und Müttern hinsichtlich psychosozialer Belastungen: Bezogen auf Risiko- und Schutzindikatoren für Kindeswohlgefährdung und Entwicklungsschwierigkeiten zeigte der Selbstbericht der Väter verglichen mit Müttern keine Unterschiede bei Depressionen und Ängsten, allgemeinem Stresserleben und empfundener Selbstwirksamkeit in der Erziehung. Auch hinsichtlich der Indikatoren der Rigidität sowie der Ärgerneigung zeigten sich keine Unterschiede zwischen Vätern und Müttern.
    Väter berichteten tendenziell weniger Unzufriedenheit mit der Partnerschaft und auch auf den Subskalen der B-CAPI-Misshandlungsskala fielen die Angaben der Väter verglichen mit denen der Mütter hinsichtlich Verfolgungsgefühle, Einsamkeit und Distress signifikant geringer aus.
    Ein signifikant geringeres Risiko wiesen Väter bezüglich des Misshandlungsrisikos auf: 4,5% der Väter und 14,5% der Mütter wiesen der B-CAPI-Misshandlungsskala zufolge ein erhöhtes Misshandlungsrisiko auf. Auch nach Ausschluss unehrlicher und zufälliger Antworten (mithilfe einer Validierungsskala des B-CAPI), war das Misshandlungsrisiko bei den befragten Müttern ungefähr dreifach höher als das der Väter (Mütter: 18,4%, Väter 6,2%).
     
  • Zusammenhänge zwischen Elternmerkmalen und kindlichem Entwicklungsstand: Untersucht wurden Zusammenhänge zwischen Elternmerkmalen der befragten Mütter und Väter und dem bei den Hausbesuchen beobachteten Entwicklungsstand des Kindes. Es wurden Daten zur kognitiven Entwicklung sowie zur expressiven und rezeptiven Kommunikation erhoben. Signifikante Korrelationen zeigten sich für Belastungsmerkmale von Vätern – Unzufriedenheit, Ärgerneigung und Rigidität – vor allem mit der kognitiven Entwicklung sowie der rezeptiven Sprachentwicklung. Ein schwacher Zusammenhang konnte gezeigt werden zwischen der hohen Beteiligung des Vaters an Erziehungs- und Versorgungsaufgaben aus Sicht der Mutter ("Rollenverteilung"). Als vorläufiger Befund kann außerdem festgehalten werden, dass väterliche Rigidität und Ärgerneigung geeignet sind, den kognitiven Entwicklungsstand des Kindes vorherzusagen. Dies zuverlässig zu klären, ist Teil der längsschnittlichen Erhebung und der Auswertung nach der zweiten Befragungswelle der Vertiefungsstudie.

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