Vertiefungsstudie

Längsschnittstudie zur Erfassung von Belastungen und Ressourcen bei belasteten Familien und zur Identifikation von Risikomechanismen

Um gezielt die Lebenssituation von Familien mit unterschiedlichen Belastungen zu vergleichen und deren Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes ermitteln zu können, wurde eine Studie mit Familien mit Kindern zwischen 0 und 3 Jahren durchgeführt. Im Abstand von ungefähr sieben Monaten wurden ausführliche Fragebogenerhebungen sowie Entwicklungstests der Kinder im häuslichen Umfeld durchgeführt. Die Familien wurden aus den Pilotstudien rekrutiert.
Das Studiendesign ermöglichte es, durch Verknüpfung der Ergebnisse der einzelnen Kohorten auf einen längeren Entwicklungszeitraum der Kinder rückzuschließen. 

Die Ergebnisse der Vertiefungsstudie sollen Einblicke in spezifische Belastungskonstellationen in Familien ermöglichen und dazu dienen, künftig genauere Prognosen zu Bedingungen von positiven wie auch negativen Entwicklungsverläufen bei psychosozialen Belastungen abgeben zu können.


Projektteam

Christoph Liel
(bis 31.12.2017 Dr. Andreas Eickhorst)
Deutsches Jugendinstitut (DJI), Fachgruppe Frühe Hilfen
Nockherstr. 2
81541 München
Telefon: 089/62306-232
E-Mail: liel(at)dji.de 

In Kooperation mit einem Forschungsverbund aus entwicklungspsychologischen Lehrstühlen:

Prof. Dr. Gottfried Spangler, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
http://www.lst3.psych1.uni-erlangen.de/personal/mitarbeiter.shtml/gottfried-spangler.shtml  

Dr. Marc Vierhaus, Universität Bielefeld
http://www.uni-bielefeld.de/psychologie/personen/ae03/vierhaus.xml  

Prof. Dr. Peter Zimmermann, Bergische Universität Wuppertal
http://www.entwicklungspsychologie.uni-wuppertal.de/team/univ-prof-dr-peter-zimmermann.html  


Förderung

Nationales Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 
Maarweg 149-161
50825 Köln  
Telefon: 0221/8992-0


Zeitraum

Sommer 2014 bis Sommer 2016


Zielgruppe

Familien mit Kindern unter 3 Jahren


Ziele

  • Vergleich der Lebenssituationen von Familien mit unterschiedlichen Belastungen 
  • Auswirkungen von familiären Belastungen auf die Entwicklung des Kindes
  • Ermöglichung genauerer Prognosen zu Bedingungen von positiven bzw. negativen Entwicklungsverläufen bei psychosozialen Belastungen
  • Gezielte Untersuchung von Vätern unter Belastungen

Stichproben

Rekrutierung der Stichproben aus den Pilotstudien, N= 200 Familien:

  • Zwei Alterskohorten: Kinder im Alter von 10 bis 14 Monaten und Kinder im Alter von 17 bis 21 Monaten
  • Drei Belastungsgruppen (auf der Grundlage der in den Pilotstudien erhobenen Risikomerkmalen)

    Methodik/Design

    Die Datenerhebung erfolgte im Rahmen von Hausbesuchen und umfasste 

    • ausführliche Fragebogenerhebungen,
    • Entwicklungstests der Kinder im häuslichen Umfeld,
    • Videobeobachtungen.

    Eine Wiederholung der Hausbesuche wurde nach ca. sieben Monaten vorgenommen, wodurch ein "Kohorten-Längsschnitt-Design" eingesetzt wurde.


    Die "Vertiefungsstudie" ist eine Teilstudie des Studienprogramms der Prävalenz- und Versorgungsforschung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) zum Vorkommen von psychosozialen Belastungen in Familien mit 0- bis 3-jährigen Kindern in Deutschland und ihrer Kenntnis bzw. Inanspruchnahme von regulären Unterstützungsangeboten sowie von spezifischen Angeboten der Frühen Hilfen.

    Ziel des Forschungsbereichs sind Erkenntnisse zu folgenden Fragestellungen:

    • Welche unterschiedlichen Konstellationen von Belastungen gibt es in Familien in Deutschland?
    • Wie häufig kommen diese Belastungskonstellationen vor? 
    • Mit welchen weiteren Merkmalen der sozialen Lage bzw. der Region gehen die Belastungen einher? 
    • Welche Auswirkungen haben diese Belastungen auf die kindliche Entwicklung? 
    • Inwieweit kennen und nutzen Familien aus unterschiedlichen sozialen Gruppen derzeit angebotene professionelle Hilfen? 

    Die Vertiefungsstudie soll Einblicke in spezifische Belastungskonstellationen in Familien ermöglichen mit Hilfe derer künftig genauere Prognosen zu Bedingungen von positiven bzw. negativen Entwicklungsverläufen bei psychosozialen Belastungen ermöglicht werden sollen. 

    Die Vertiefungsstudie wird in Kooperation mit einem Forschungsverbund aus entwicklungspsychologischen Lehrstühlen der Universitäten Erlangen-Nürnberg, Wuppertal und Bielefeld durchgeführt. Dabei obliegen den Partnern unterschiedliche Verantwortlichkeiten in Bezug auf die relevanten Fragestellungen und durchzuführenden Analysen.

    Die erste Erhebungswelle zu Auswirkungen familiärer Lebenslagen und dem Einfluss auf die kindliche Entwicklung und deren Auswertung wurde von dem Forschungsverbund der Lehrstühle Prof. Spangler (Universität Erlangen), Prof. Zimmermann (Universität Wuppertal) und Dr. Vierhaus (Universität Bielefeld) durchgeführt.

    In einer Teilauswertung, die vom Projektteam um Andreas Eickhorst am Deutschen Jugendinstitut (DJI) durchgeführt wurde, ging es um den Zusammenhang psychosozialer Belastungen und dem Misshandlungsrisiko. Daten zu verschiedenen Fragestellungen wurden erhoben: Wie hängen unterschiedliche psychosoziale Belastungen mit dem Misshandlungsrisiko zusammen? Welche Belastungsfaktoren spielen eine besondere Rolle? Wie hängt das Misshandlungsrisiko mit der Nutzung Früher Hilfen zusammen?  

    Im Rahmen der Vertiefungsstudie des NZFH wurden beide Bezugspersonen, also Mütter und Väter, zu verschiedenen Belastungsmerkmalen untersucht. Befunde aus der ersten Erhebungswelle der Vertiefungsstudie wurden hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen den Bezugspersonen und Belastungsgruppen sowie auf Vorhersagefaktoren des Entwicklungsstandes des Kindes ausgewertet.


    Forschungsfragestellungen:

    • Wie hängen unterschiedliche psychosoziale Belastungen mit der Entwicklung der Kinder und ihrem Problemverhalten zusammen?
    • Welche Rolle spielen vermittelnde Faktoren wie Kompetenzen der Eltern, Bindungspotential oder emotionale Faktoren?
    • Welche Belastungsfaktoren spielen für das Misshandlungsrisiko eine besonders bedeutende Rolle?
    • Wie hängen Anzahl und Art der Belastungsfaktoren mit dem mütterlichen und väterlichen Misshandlungsrisiko zusammen?
    • Wie hängt das per indirekter Skala geschätzte Misshandlungsrisiko mit der tatsächlich zugegeben Misshandlung/Vernachlässigung zusammen?
    • Gibt es Zusammenhänge zwischen den erhobenen Konzepten und der Nutzung Früher Hilfen?
    • Gibt es Unterschiede zwischen Müttern und Vätern hinsichtlich der erhobenen Zusammenhänge?

    Feldzugang/Design:

    Die Stichprobenauswahl erfolgte aus den Familien in den Pilotstudien, in denen das Kind im Erhebungszeitraum das Alter für eine der beiden Kohorten erreichte (10-12 Monate und 17-19 Monate). Um die gewünschte Anzahl an Familien zu erreichen, wurden die Altersgruppen auf 10-14 Monate (M =11.8 Monate) und 17 -21 Monate (M = 18.7) ausgeweitet.
    Aufgrund ihrer Anzahl an vorhandenen Risikofaktoren in der Pilotstudie (z.B. Armut, Arbeitslosigkeit, niedrige Bildung, Frühe Mutterschaft, psychische Erkrankungen der Eltern, Partnerschaftsgewalt) wurden die teilnehmenden Familien in drei Belastungsgruppen eingeteilt (niedrig, mittel, hoch). 

    Durchgeführt wurden bei knapp 200 Familien in zwei Alterskohorten Elterninterviews, intensive Fragebogenerhebungen sowie Entwicklungstests der Kinder im häuslichen Umfeld.  Ein Teil der soziodemographischen Informationen wurde schon im Rahmen der Pilotstudie erfasst und, soweit diese nicht veränderlich waren, nicht erneut in der Vertiefungsstudie erfragt. In diesem Falle wurde auf die Daten der Pilotstudie zurückgegriffen. Um die Auswirkungen von familiären Belastungen auf die Entwicklung des Kindes untersuchen zu können, wurde eine Wiederholung der Hausbesuche nach ca. sieben Monaten vorgenommen (Längsschnittdesign). Dieses Studiendesign ermöglichte es, durch Verknüpfung der Ergebnisse der einzelnen Kohorten auf einen längeren Entwicklungszeitraum der Kinder rückzuschließen.


    Datenerhebung:

    Die Daten wurden im Rahmen von Hausbesuchen erhoben und umfassten Verhaltensbeobachtungen, Testdurchführungen sowie Fragebogendaten welche größtenteils von beiden Elternteilen ausgefüllt wurden. Während bei den Hauptbezugspersonen ein Teil der Fragebögen vorab per Post versandt und ein Teil während des Hausbesuchs ausgefüllt wurde, bekamen die zweiten Bezugspersonen eine Auswahl der Fragebögen per Post zugeschickt. Die versandten Fragebögen wurden von den Versuchsleitern zum Hausbesuchstermin eingesammelt.


    Ziel-Parameter und verwendete Verfahren:

    • Körperliche Kindesmisshandlung | Child Abuse Potential Inventory- Short Form (Ondersma et al., 2005): eine 33 Items umfassende Kurzversion des Child Abuse Potential Inventory (CAPI; Milner, 1994), einem Screeninginstrument mit ja-nein-Anwortformaten zur Erfassung von körperlicher Kindesmisshandlung.
    • Elterliches Belastungserleben |  Eltern-Belastungs-Inventar (EBI; Tröster, 2010): die deutsche Version des Parenting Stress Index mit 48 Items zur Erfassung des elterlichen Belastungserlebens durch zwei übergeordnete Skalen: (1) Eigenschaften und Verhaltensweisen des Kindes, aus denen sich spezifische Anforderungen für die Eltern ergeben (Kindbereich, 20 Items) und (2) Einschränkungen elterlicher Funktionen, die die Ressourcen beeinträchtigen, die den Eltern zur Bewältigung der Anforderungen in der Erziehung, Betreuung und Versorgung ihres Kindes zur Verfügung stehen (Elternbereich, 28 Items).
    • Allgemeiner Stress | Perceived Stress Scale (PSS; Cohen, Kamarck & Mermelstein, 1983) zur Erfassung des "Allgemeinen Stresses". Die PSS wurde zum Einsatz in der Allgemeinbevölkerung entwickelt und in der 4 Items umfassenden Kurzversion eingesetzt.
    • Soziale Unterstützung und Co-Parenting | Beziehungs- und Familienpanel pairfam (Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics, 2012): zur Erfassung der sozialen Unterstützung wurden 2 Items aus dem Beziehungs- und Familienpanel pairfam eingesetzt sowie weitere 3 Items zur elterlichen Kooperation ("Co-parenting"). Weitere 2 Positivitems wurden hinzugefügt.
    • Partnerschaftsqualität | Kurzversion der Dyadic Adjustment Scale (DAS; dt. Übersetzung: Hank, Hahlweg, & Klann, 1990): eine speziell für nationale Surveys entwickelte Kurzversion der Dyadic Adjustment Scale (DAS) zur Erfassung der Partnerschaftsqualität mit 4 Items.
    • Depressive Symptome der Eltern | Patient Health Questionnaire (PHQ-9; Kroenke, Spitzer, & Williams, 2001): 9 Items aus dem Patient Health Questionnaire  zur Erfassung depressiver (Grund-)Symptome der Eltern.
    • Selbstwirksamkeit in der Elternrolle | Parenting Self-Efficacy in Nurturing Role Questionnaire (SENR; Pedersen, Bryan, Huffman, & Del Carmen, 1989). Deutsche Übersetzung des SENR in der postnatalen Version zur Erfassung der Selbstwirksamkeit in der Elternrolle 
    • Explosiveness/Wutneigung | Child Abuse Potential Inventory (Milner, 1994) : 2 Items aus der Langfassung  des CAPI zur Erfassung der elterlichen Wutneigung ("Explosiveness").
    • Tatsächliche Kindeswohlgefährdung | National Survey of Child Safety and Victimisation (Radford et al., 2011): 6 Items, die auch für jüngere Altersgruppen geeignet waren, wurden ausgewählt, übersetzt und vereinfacht -  3 Items zu tatsächlicher Kindeswohlgefährdung und 3  zu häuslicher Gewalt.
    • Belastungen durch Regulationsprobleme | Drei weitere Fragen zur subjektiven Belastung durch Regulationsstörungen der Kinder – jeweils eine Frage pro Regulationsbereich:  Belastung durch häufiges, massives kindliches Schreien, Belastungen durch Ein- und Durchschlafstörungen sowie Belastungen durch Probleme beim Füttern des Kindes.
    • Soziodemographische Risikofaktoren | Daten zu Migrationsstatus, Bildungsstatus und Armut (Empfang staatlicher Leistungen) aus den Pilotstudien.
    • Entwicklungsstand der Kinder | Bayley Scales of Infant Development (Bayley, 2014): Erfassung des Entwicklungsstandes der Kinder mithilfe drei verschiedener Skalen: kognitive Entwicklung, expressive und rezeptive Kommunikation.
    • Temperament der Kinder |Infant Behavior Questionnaire (IBQ; Rothbart, 1981), Early Childhood Questionnaire (ECBQ; Rothbart, 2003): Erfassung des kindlichen Temperaments  mit drei Skalen auf der Grundlage der beiden  Erhebungsbögen IBQ und ECBQ: Extraversion, negativer Affekt und Selbstregulation.
    • Problemverhalten der Kinder | Screeningbogen Frühe Kindheit (2013): Erfassung des Problemverhaltens anhand der beiden Parameter psychische Auffälligkeiten und weiterer Bedarf an spezifischer Diagnostik in den Bereichen emotionaler Probleme und Verhaltensprobleme.

    Soziodemografische Merkmale der Stichproben

    Insgesamt nahmen 197 Kinder und ihre Familien an der Studie teil, davon waren 98 in der jüngeren Kohorte und 99 in der älteren Kohorte.  In ca. 97% der Familien nahmen die Mutter und der Vater an der Erhebung teil. Auf der Grundlage der in der Pilotstudie erhobenen Risikomerkmale und entsprechender Einteilung in drei verschiedene Belastungsgruppen, waren 26.4% der teilnehmenden Familien hoch belastet. Während diese im Durchschnitt 5.44 Risikofaktoren aufwiesen, wiesen mittel belastete 2.30 Risikofaktoren und niedrig belastete im Mittel nur 0.54 Risikofaktoren auf.
    Im Mittel waren die Kinder 15.25 Monate alt. Die Hälfte der teilnehmenden Kinder war männlich. Die Hauptbezugsperson des Kindes, die die vorliegenden Angaben machte, war in 191 Fällen (97%) die Mutter, in 5 Fällen der Vater und in einem Fall die Großmutter des Kindes.
    89% gaben an, mit dem anderen leiblichen Elternteil des Kindes zusammenzuleben. Allerdings gaben im Vergleich nur 84% an, ihr Kind auch mit einer anderen Bezugsperson zusammen zu erziehen (in einigen Fällen trotz Zusammenlebens, keine Gefühl das Kind gemeinsam zu erziehen).
    Ein Viertel der Hauptbezugsperson besaß einen Migrationshintergrund. 14% der Familien leben von staatlichen Leistungen. Nach der internationalen Standardklassifikation des Bildungswesens sind 10% der Hauptbezugspersonen einem niedrigen Bildungsgrad zuzuordnen, 38% einem mittleren Bildungsgrad und knapp über die Hälfte einem hohen Bildungsgrad.


    Direkte Effekte familiärer Lebenslagen und des Ausmaßes an Belastung auf die kindliche Entwicklung

    In der ersten Erhebungswelle wurden Einflüsse familiärer Lebenslagen auf die kindliche Entwicklung untersucht und ausgewertet:

    Abb. 1: Kindl. Entwicklungsstand in den Belastungsgruppen (Mittelwerte und Standardmessfehler)
    Abbildung 1

    Der Entwicklungsstand der Kinder wurde mit drei Skalen erfasst: kognitive Entwicklung, expressive und rezeptive Kommunikation. Mit zunehmender Belastung nahmen die Entwicklungswerte der Kinder in den Bereichen kognitive Entwicklung und expressive Kommunikation linear ab. Einflüsse familiärer Belastung wurden in beiden Altersgruppen festgestellt. (s. Abb. 1)

    Abb. 2: Temperamentsdimensionen in den Belastungsgruppen (Mittelwerte)
    Abbildung 2

    Das Temperament der Kinder wurde ebenfalls mit drei Skalen erfasst: Extraversion, negativer Affekt und Selbstregulation. Es zeigten sich Effekte familiärer Belastung auf das Temperament. Kinder aus wenig belasteten Familien wiesen weniger negative Affektivität auf als Kinder aus mittel und hoch belasteten Familien. Es reicht also ein mittleres Ausmaß von Belastung, um die emotionale Befindlichkeit der Kinder zu beeinträchtigen. Bezüglich Selbstregulation und Extraversion wurden Beeinträchtigungen erst bei hoher Belastung festgestellt. (s. Abb. 2)

    Abb. 3: Kindliches Problemverhalten für die drei Belastungsgruppen
    Abbildung 3

    Als Problemverhalten der Kinder wurden psychische Auffälligkeiten oder ein weiterer Bedarf an spezifischer Diagnostik in den Bereichen emotionaler Probleme und Verhaltensprobleme erfasst. Während in der jüngeren Altersgruppe ein erhöhtes Auftreten nur bei Kindern aus hochbelasteten Familien festzustellen war, stellt in der älteren Gruppe bereits ein mittleres Ausmaß von Belastung ein Risiko für das Auftreten von Problemverhalten bei den Kindern dar. Hier deutet sich eine langfristige kumulative Wirkung bereits durch ein mittleres Ausmaß an Belastung an. (s. Abb. 3)

    Die Befunde weisen deutlich auf den Einfluss familiärer Belastung auf die kindliche Entwicklung hin. Die Analysen zeigen, dass sich Belastung teils linear auf die kindliche Entwicklung auswirkt, teils jedoch auch bereits ein mittleres Ausmaß an Belastung zu Einschränkungen in der Entwicklung führen kann. Somit müssen Frühe Hilfen nicht nur hochbelasteten Familien, sondern auch schon beim Vorliegen einer geringeren Anzahl von familiären Belastungsmerkmalen, angeboten werden.


    Zusammenhang zwischen psychosozialen Belastungen und dem Misshandlungsrisiko

    In einer weiteren Teilauswertung wurden verschiedene Daten zu elterlichen Risikofaktoren und dem Zusammenhang zwischen psychosozialen Belastungen und dem Misshandlungsrisiko bzw. tatsächlicher Misshandlung und zur Nutzung Früher Hilfen betrachtet:

    • Deskriptive Statistiken der elterlichen Risikofaktoren - im Vergleich zu internationalen Stichproben: Der Stresslevel der vorliegenden Stichprobe war deutlich höher als der einer Vergleichsstichprobe. Bezüglich der elterlichen Selbstwirksamkeit fanden sich keine Unterschiede, ebenfalls keine bedeutsamen Unterschiede wurden hinsichtlich der Partnerschaftszufriedenheit gefunden, 11,3% der Befragten beschrieben ihre Partnerbeziehung als angespannt. 
      Die Auswertung der Erfassung depressiver Symptome erfolgte auf zwei Arten: nach Auswertung der Skala nach Art der Symptomatik fanden sich bei 3,7% der Befragten Hinweise auf depressive Erkrankungen, bei 2,6% fanden sich Hinweise auf eine schwere Depression (Major Depression); 93,7% wiesen kein Risiko für eine depressive Erkrankung auf. Die Auswertung der Daten mithilfe eines Summenscores zur Schwere der depressiven Symptomatik ergab bei 90,9% kein Risiko für eine depressive Erkrankung, bei 9,1% fanden sich demnach Hinweise auf eine Depression.

    • Zusammenhang von Risikofaktoren mit dem Misshandlungsrisiko (B-CAPI-Misshandlungsskala): Es zeigten sich hochsignifikante Zusammenhänge zwischen den Daten des Misshandlungsrisikos und den elterlichen Risikofaktoren: Als einzelner Risikofaktor hatte die elterliche Stressbelastung den bedeutsamsten Einfluss auf das Misshandlungsrisiko. 
      Wurde eine Kombination von Risikofaktoren zur Vorhersage des Misshandlungsrisikos herangezogen, konnte eine Kombination aus der elterlichen Ärgerneigung, dem elterlichen Stress, depressiven Symptomen, Konflikten um die Kindererziehung und Armut den Wert auf der Misshandlungsskala am besten vorhersagen und 63% der Varianz in den Werten aufklären. Zudem konnten Konflikte in der Kindererziehung als weiterer Einflussfaktor auf das Misshandlungsrisiko identifiziert werden. Armut stellte in dieser Studie einen weiteren – jedoch weniger bedeutsamen – Einflussfaktor auf das Risiko für Kindeswohlgefährdung dar.
      Die geringsten Korrelationen des Misshandlungsrisikos ergaben sich mit der sozialen Unterstützung sowie den beiden kindbezogenen Risikofaktoren Belastung durch Regulationsprobleme und den elterlichen Belastungen, die sich aus Eigenschaften und Verhaltensweisen der Kinder ergeben. Es zeigte sich jedoch, dass Personen mit geringerem Bildungsstatus und Abhängigkeit von staatlichen Leistungen höhere Werte auf der Misshandlungsskala aufwiesen.
      Die vorliegende Studie konnte belegen, dass die Summe an Risikofaktoren über die Bedeutsamkeit einzelner Risikofaktoren hinaus zur Vorhersage des Misshandlungsrisikos beitragen kann. Kein einzelner Risikofaktor konnte ähnlich zur Varianzaufklärung beitragen wie die Summe der Belastungsfaktoren.  

    • Zusammenhänge zwischen Misshandlungsrisiko und tatsächlicher Misshandlung und Kindeswohlgefährdung: Es wurden bedeutsame Zusammenhänge zwischen dem Misshandlungsrisiko und der tatsächlichen Misshandlung (incl. Partnerschaftsgewalt) gefunden. Insgesamt berichteten die Eltern dieser Studie häufiger von häuslicher Gewalt als von Kindeswohlgefährdung im engeren Sinne, was sich mit den Erkenntnissen anderer Studien deckt. Insgesamt gaben 11,2% der Eltern an, dass ihre Kinder massiven elterlichen Streitigkeiten oder Partnerschaftsgewalt ausgesetzt sind. Im Vergleich wurde nur bei 3,1% mindestens eine Form der Kindeswohlgefährdung im engeren Sinne berichtet.
      Es zeigte sich außerdem ein Zusammenhang zwischen der Misshandlungsskala und der tatsächlichen Kindeswohlgefährdung. Dieser Zusammenhang ließ sich statistisch jedoch nur für die Gesamtstichprobe sowie die validen Protokolle nachweisen.

    • Bedeutung des Misshandlungsrisikos für die Nutzung Früher Hilfen: Ein differenziertes Bild bezüglich der Nutzung der Frühen Hilfen ergab sich beim Vergleich primärpräventiver und sekundärpräventiver Angebote. Primärpräventive Angebote, wie Eltern-Kind-Kurse und Sport- und Wohlfühl-Angebote, wurden jeweils signifikant häufiger von Familien mit geringem Misshandlungsrisiko genutzt. Von ihnen wurden sekundärpräventive Angebote wesentlich seltener in Anspruch genommen. 
      Personen, die Beratung bei Regulationsproblemen, Erziehungs- oder Onlineberatung – also sekundärpräventive Angebote – in Anspruch genommen haben, wiesen höhere Mittelwerte auf der B-CAPI-Misshandlungsskala auf, also ein höheres Misshandlungsrisiko. Tendenziell bedeutsam wurde dieser Unterschied für Hilfen durch das Jugendamt, wie zum Beispiel eine Sozialpädagogische Familienhilfe oder einen Erziehungsbeistand. Familien, die solche Angebote nutzen oder angeboten bekommen haben, wiesen ein höheres Misshandlungsrisiko auf. Lediglich im Bereich Frühförderung zeichnete sich ein entgegengesetztes (nicht signifikantes) Bild ab, dass Personen die Frühförderung nutzen auch geringere Misshandlungsrisiken haben.

    Ergebnisse der Prävalenzforschung zu Vätern

    Die im Rahmen der Vertiefungsstudie erhobenen Daten wurden außerdem hinsichtlich der Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Bezugspersonen (Mütter und Väter) und Belastungsgruppen sowie auf Vorhersagefaktoren des Entwicklungsstandes des Kindes ausgewertet.

    • Rolle der Väter in der soziodemografischen Verteilung der Stichprobe: Bei 97% der 197 teilnehmenden Familien war ein Vater des Kindes vorhanden, wobei es sich bei 1,0 % nicht um den leiblichen Vater, sondern um eine soziale Vaterfigur (z.B. neuer Partner der Mutter) handelte. Bei 5 der befragten Familien war der Vater die Hauptbezugsperson des Kindes.  

    • Unterschiede zwischen Vätern und Müttern hinsichtlich psychosozialer Belastungen: Bezogen auf Risiko- und Schutzindikatoren für Kindeswohlgefährdung und Entwicklungsschwierigkeiten zeigte der Selbstbericht der Väter verglichen mit Müttern keine Unterschiede bei Depressionen und Ängsten, allgemeinem Stresserleben und empfundener Selbstwirksamkeit in der Erziehung. Auch hinsichtlich der Indikatoren der Rigidität sowie der Ärgerneigung zeigten sich keine Unterschiede zwischen Vätern und Müttern.
      Väter berichteten tendenziell weniger Unzufriedenheit mit der Partnerschaft und auch auf den Subskalen der B-CAPI-Misshandlungsskala fielen die Angaben der Väter verglichen mit denen der Mütter hinsichtlich Verfolgungsgefühle, Einsamkeit und Distress signifikant geringer aus.
      Ein signifikant geringeres Risiko wiesen Väter bezüglich des Misshandlungsrisikos auf: 4,5% der Väter und 14,5% der Mütter wiesen der B-CAPI-Misshandlungsskala zufolge ein erhöhtes Misshandlungsrisiko auf. Auch nach Ausschluss unehrlicher und zufälliger Antworten (mithilfe einer Validierungsskala des B-CAPI), war das Misshandlungsrisiko bei den befragten Müttern ungefähr dreifach höher als das der Väter (Mütter: 18,4%, Väter 6,2%).

    • Zusammenhänge zwischen Elternmerkmalen und kindlichem Entwicklungsstand: Untersucht wurden Zusammenhänge zwischen Elternmerkmalen der befragten Mütter und Väter und dem bei den Hausbesuchen beobachteten Entwicklungsstand des Kindes. Es wurden Daten zur kognitiven Entwicklung sowie zur expressiven und rezeptiven Kommunikation erhoben. Signifikante Korrelationen zeigten sich für Belastungsmerkmale von Vätern – Unzufriedenheit, Ärgerneigung und Rigidität – vor allem mit der kognitiven Entwicklung sowie der rezeptiven Sprachentwicklung. Ein schwacher Zusammenhang konnte gezeigt werden zwischen der hohen Beteiligung des Vaters an Erziehungs- und Versorgungsaufgaben aus Sicht der Mutter ("Rollenverteilung"). Als vorläufiger Befund kann außerdem festgehalten werden, dass väterliche Rigidität und Ärgerneigung geeignet sind, den kognitiven Entwicklungsstand des Kindes vorherzusagen. Dies zuverlässig zu klären, ist Teil der längsschnittlichen Erhebung und der Auswertung nach der zweiten Befragungswelle der Vertiefungsstudie.

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    Der Datenreport Frühe Hilfen 2015 präsentiert Daten, Analysen und Ausblicke aus überregionalen Studien zur aktuellen Entwicklung und Ausgestaltung von Frühen Hilfen in Deutschland. Unter anderem werden Ergebnisse aus der Prävalenz- und Versorgungsforschung des NZFH vorgestellt, die durch die Bundesinitiative Frühe Hilfen angestoßen wurde. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Kooperation von Kinder- und Jugendhilfe mit dem Gesundheitswesen im Bereich Frühe Hilfen sowie der Schnittstelle zu den Hilfen zur Erziehung und zum intervenierenden Kinderschutz.

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    Der vorliegende Zwischenbericht zur Bundesinitiative Frühe Hilfen gem. Art. 8 VV BIFH basiert auf den Ergebnissen der wissenschaftlichen Begleitforschung und den Erfahrungen der Kommunen, der Länder und der Bundesebene. Er bildet die Grundlage für die Beratungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen über den nach Abschluss der Bundesinitiative einzurichtenden Fonds.

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