Hauptstudie

Bundesweite repräsentative Studie zur Verteilung von Belastungsfaktoren in Familien mit 0- bis 3-jährigen Kindern und zur Inanspruchnahme von psychosozialen Angeboten

Als Teilstudie der Prävalenz- und Versorgungsforschung wurde 2015 auf Grundlage der Pilotstudien die bundesweit repräsentative Hauptstudie durchgeführt.
Ziel der Hauptstudie ist es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche unterschiedlichen Konstellationen von Belastungen es in Familien in Deutschland gibt, wie häufig diese Belastungskonstellationen vorkommen, mit welchen Merkmalen diese Belastungen einhergehen, welche Auswirkungen diese auf die kindliche Entwicklung haben und inwieweit Familien aus unterschiedlichen sozialen Gruppen derzeit angebotene professionelle Hilfen kennen und nutzen. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen eine verlässliche Datengrundlage für die bedarfsgerechte Planung von Angeboten Früher Hilfen in den Ländern und Kommunen bilden.
Der Zugang zu den Familien erfolgte aufgrund der Ergebnisse der beiden Pilotstudien über niedergelassene Kinderärztinnen und -ärzte.


Projektteam

Dr. Andreas Eickhorst
Deutsches Jugendinstitut (DJI), Fachgruppe Nationales Zentrum Frühe Hilfen
Nockherstr. 2
81541 München
Telefon: 089/62306-322
E-Mail: eickhorst(at)dji.de

Alexandra Sann
Deutsches Jugendinstitut (DJI), Fachgruppe Nationales Zentrum Frühe Hilfen
Nockherstr. 2
81541 München
Telefon: 089/62306-323
E-Mail: sann(at)dji.de


Förderung

Nationales Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 
Maarweg 149-161
50825 Köln  
Telefon: 0221/8992-0


Datenerhebung

 Kantar Health GmbH


Zeitraum

Datenerhebung November 2014 bis Herbst 2015


Zielgruppen

  • Familien mit Kindern unter 3 Jahren
  • Kinderärztinnen und -ärzte, in deren Praxen die teilnehmenden Familien rekrutiert wurden

Ziele

Die Hauptstudie hat insbesondere zum Ziel, repräsentative, bundesweite Daten zu Belastungen und Ressourcen von belasteten Familien zu gewinnen:

  • Häufigkeit des Vorkommens spezifischer Belastungsfaktoren und Belastungskonstellationen
  • Kenntnisse zur Weiterentwicklung der Schulungen von Fachkräften in den Frühen Hilfen
  • Kenntnisse zur Planung und Steuerung kommunaler Hilfesysteme

Stichproben

  • 8.063 Familien mit Kindern zwischen null und drei Jahren
  • 200 Kinderärztinnen und -ärzte

Methodik/Design

  • Rekrutierung der Familien in Kinderarztpraxen im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen U3 bis U7a
  • Repräsentative Fragebogenerhebung 
  • Anonyme, schriftliche Befragung der Hauptbezugsperson
  • Fragebogenerhebung mit den teilnehmenden Ärztinnen und Ärzten

Die "Hauptstudie" ist eine Teilstudie des Studienprogramms der Prävalenz- und Versorgungsforschung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) zum Vorkommen von psychosozialen Belastungen in Familien mit 0- bis 3-jährigen Kindern in Deutschland und ihrer Kenntnis bzw. Inanspruchnahme von regulären Unterstützungsangeboten sowie von spezifischen Angeboten der Frühen Hilfen.  

Ziel des Forschungsbereichs sind Erkenntnisse zu folgenden Fragestellungen:

  • Welche unterschiedlichen Konstellationen von Belastungen gibt es in Familien in Deutschland?
  • Wie häufig kommen diese Belastungskonstellationen vor? 
  • Mit welchen weiteren Merkmalen der sozialen Lage bzw. der Region gehen die Belastungen einher?
  • Welche Auswirkungen haben diese Belastungen auf die kindliche Entwicklung? 
  • Inwieweit kennen und nutzen Familien aus unterschiedlichen sozialen Gruppen derzeit angebotene professionelle Hilfen? 

Die Ergebnisse der Hauptstudie sollen den Akteuren im Praxisfeld Frühe Hilfen Einblicke in die Häufigkeit des Vorkommens spezifischer Belastungsfaktoren und Belastungskonstellationen bei Familien mit Säuglingen und Kleinkindern geben. Dies ist zum einen wichtig für die Schulung der in diesem Feld tätigen Fachkräfte, um sie für spezifische Problemlagen sensibilisieren und Kenntnisse über jeweils adäquate Unterstützungsangebote vermitteln zu können. Auf der anderen Seite können Verantwortliche in den Kommunen mit dem Wissen über diese Verteilungen ihre lokalen Angebote der Frühen Hilfen besser planen und auf die Bedarfe der Familien abstimmen. Insgesamt können damit die so gewonnenen Daten zur Prävalenz von Belastungen und Nutzung vorhandener Angebote maßgeblich zur weiteren Praxisentwicklung beitragen.  

Forschungsfragestellungen: Die Hauptstudie umfasste eine einmalige repräsentative Befragung von 8063 Familien mit Kindern zwischen 0 und 3 Jahren. Folgende Daten wurden dabei erhoben:

  • Merkmale der Lebenslage der Familie (z.B. sozioökonomischer Status, Familienform, Migrationserfahrung) 
  • objektive Belastungsmerkmale auf kind-, eltern- und familienbezogener sowie sozialer Ebene, die sich empirisch als valide Prädiktoren möglicher Erziehungsschwierigkeiten, Entwicklungsprobleme und/oder Kindeswohlgefährdungen erwiesen haben (z.B. besondere Fürsorgeanforderungen durch das Kind, psychische Erkrankung eines Elternteils, Sucht, Gewalt in der Partnerschaft, soziale Isolation)
  • subjektives Belastungserleben der primären Bezugsperson des Kindes,
  • von der Familie wahrgenommene und erhaltene soziale Unterstützung,
  • Kenntnis und Inanspruchnahme von öffentlichen Unterstützungsleistungen seitens der Eltern (Regelangebote und spezifische Angebote Früher Hilfen)

Im Kontext der Hauptstudie wurde auch ein Fragebogen an die teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte versandt. Folgende Daten wurden dabei erhoben:

  • Kenntnis der lokalen Netzwerke Frühe Hilfen sowie einzelner Angebote
  • Nutzung der Angebote und erfolgte Vermittlungen
  • Kenntnisse über die Regelungen des Bundeskinderschutzgesetzes

Feldzugang/Design: Die Auswertung der beiden Pilotstudien zeigte, dass die Ansprache über Pädiater zu einer deutlich besseren Motivierung von Familien aus belasteten Familien (z.B. in bildungsfernen Gruppen) für die Teilnahme an der Studie führte. Es konnte gezeigt werden, dass auf diesem Wege aussagekräftige, repräsentative Daten generiert werden können, die das Ausmaß an Belastungen und den sich daraus ergebenden Unterstützungsbedarf in der Zielpopulation der Frühen Hilfen zuverlässiger schätzen als mittels Stichprobenziehungen über das Einwohnermeldeamt. Überdies haben sich die Kinderärztinnen und -ärzte der Pilotstudie als sehr motivierte und verlässliche Partner im Feld erwiesen. Daher wurde dieses Design für die Durchführung der Hauptstudie gewählt.

Die Aufgabe der teilnehmenden Pädiater war es, den Eltern, die zu einer der U-Untersuchungen U3 bis U7a in die Praxis kamen, den vom NZFH-Forschungsteam entwickelten Fragebogen zu Belastungen, Ressourcen und Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten auszuhändigen und sie um eine Teilnahme zu bitten. Dabei sollten unabhängig von wahrgenommenen Merkmalen alle Eltern angesprochen werden, um Selektionseffekte durch die Ärztinnen und Ärzte zu vermeiden. Wenn die Eltern in ihrer Entscheidung über die Studienteilnahme unsicher waren, sollten die Ärztinnen und Ärzte noch einmal motivierend mit ihnen sprechen. Zu keinem Zeitpunkt nahmen sie Einsicht in die ausgefüllten Bögen, so dass die Anonymität der Auskünfte gewährleistet war. Überdies erhoben sie tabellarisch die Ablehnungsgründe der nicht teilnehmenden Eltern, um bei der Auswertung Hinweise darauf zu bekommen, ob möglicherweise bestimmte Gruppen von Eltern systematisch nicht teilnahmen (Prüfung von Verzerrungseffekten). Für Ihre Mitwirkung wurden die Ärztinnen und Ärzte vergütet.

Die Fragebögen wurden von der Hauptbezugsperson im Wartezimmer anonym ausgefüllt (Dauer ca. 25 Minuten bei vollständigem Ausfüllen) und spätestens vor Verlassen der Arztpraxis in einem verschlossenen Umschlag abgegeben. Familien, die bereit waren, an einer eventuellen späteren weiteren Befragung (z.B. per Post) teilzunehmen, wurden gebeten, freiwillig ihre Adresse dafür anzugeben. Damit ergaben sich Möglichkeiten zu zusätzlichen Vertiefungsbefragungen oder auch zu einer längsschnittlichen Befragung einer Teilstichprobe. 

Die Hauptstudie wurde vom NZFH am DJI durchgeführt. Mit der Feldarbeit wurde der Münchner Forschungsdienstleister Kantar Health beauftragt.


Faktenblatt


Belastung der Eltern und Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten

Die Belastungssituation von Eltern kleiner Kinder ist durch schnelle Veränderungen geprägt. Nachfolgend wird dargestellt wie sich die Belastungssituation über die ersten Lebensjahre des Kindes verändert und welche Faktoren mit der empfundenen Belastung der Eltern in Zusammenhang stehen.  

Zusammenhänge von Belastung und Alter des Kindes

Abb. 1: Kindliche und Elterliche Belastungsfaktoren über das Alter des KindesAbbildung 1

Über die ersten Lebensjahre des Kindes verlagert sich die Art der Probleme, von häufig auftretenden Schrei-, Fütter- und Schlafproblemen in den ersten Lebensmonaten hin zu vermehrten Trotz- und Wutanfällen im Kleinkindalter. Abbildung 1 zeigt die Häufigkeit verschiedener Belastungsfaktoren (dargestellt als Fläche), erhoben zu den Zeitpunkten der verschiedenen Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt (U1-U7a). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Belastungsfaktoren nach einer Belastungsspitze direkt nach der Geburt zunächst auf einen Tiefpunkt sinken, wenn das Kind ca. ein halbes Jahr alt ist. Danach nehmen die Belastungsfaktoren bis zum dritten Lebensjahr des Kindes stetig zu. Dieser sogenannte "U-förmige Verlauf" zeigt sich bei den kindlichen Belastungsfaktoren ebenso wie bei den elterlichen Belastungsfaktoren. Die Auswertung beruht allerdings auf einer Querschnittserhebung von Familien mit Kindern unterschiedlichen Alters. Eine spätere Längsschnittuntersuchung ist geplant. 


Zusammenhänge zwischen Belastung und Vorkommen von Gewalt und Vernachlässigung

Abb. 2: Zusammenhänge der Anzahl von Risikofaktoren mi de Vorkommen vn Gewalt un Vernachlässigung; nach Alter (N = 8063)Abbildung 2

Die Eltern wurden gefragt, ob ihr Kind jemals von einem Erwachsenen (nicht zwingend den Eltern) "körperlich verletzt oder geschüttelt" (Säugling) wurde, oder ob es schon mal vorkam, dass ein Erwachsener sich "nicht ausreichend um das Kind gekümmert" habe. Die Ergebnisse zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eines dieser Items bejaht wurde, ansteigt, je mehr Risikofaktoren psychosozialer Faktoren in der jeweiligen Familie auftreten. Bei Familien ohne Risikofaktoren liegt die Prävalenz je nach Alter zwischen 0,4 und 2,1%. Ein besonders großer Sprung der Prävalenz von Gewalt und Vernachlässigung in Familien konnte zwischen dem Vorliegen von drei Risikofaktoren zu vier oder mehr Risikofaktoren in Familien mit Kindern unter zwei Jahren festgestellt werden. (s. Abb. 2)

Abb. 3: Zusammenhänge Anzahl ausgewählter Belastungsfaktoren mit den Antworten auf das Item "Ich bin oft innerlich wütend" (N = 8063)Abbildung 3

In Abhängigkeit der Anzahl vorliegender Risikofaktoren verändert sich auch das Antwortverhalten auf das Item "Ich bin oft innerlich wütend". Die Häufigkeit der Antwort "trifft genau zu" steigt von einem Prozent bei null Risikofaktoren auf knapp 6% bei zwei Risikofaktoren und auf 15% bei vier oder mehr Risikofaktoren an. (s. Abb. 3)


Zusammenhänge von Belastung und Auftreten von depressiven und ängstlichen Symptomen

Bei 4,4 % der befragten Mütter und Väter gibt es starke Hinweise für das Vorliegen einer depressiven oder ängstlichen Symptomatik, bei 15,7 % der Eltern schwächere Hinweise.

Frauen berichten dabei in höherem Maße als Männer von Symptomen, die auf eine Depression oder Angststörungen hinweisen. Im Vergleich einzelner Altersgruppen fällt die erhöhte Belastung sehr junger Eltern auf. Die Gruppe der unter 25-jährigen Eltern berichtet mehr Depressions- und Angstsymptome als die Allgemeinbevölkerung in vergleichbarem Alter. Allerdings verdeckt das Alter andere, relevantere Faktoren. Als relevant erweisen sich: "ungeplante Schwangerschaft, Bezug von Sozialleistungen, Alleinerziehendenstatus, Unzufriedenheit in der Partnerschaft und ein als negativ empfundenes Temperament des Kindes". Berücksichtigt man diese weiteren Belastungsfaktoren, so werden Alter und Geschlecht des Elternteils unbedeutend, d.h. diese beiden Faktoren weisen keinen eigenständigen Zusammenhang zur Symptombelastung auf. Die Ergebnisse weisen außerdem darauf hin, dass depressive und ängstliche Symptome mit stärkeren Belastungen der Eltern-Kind-Beziehung einhergehen bzw. die Wahrnehmung des Kindes durch die Eltern überschatten. 


Zusammenhänge von Belastung und Bildung

Betrachtet man die Häufigkeiten unterschiedlicher psychosozialer Belastungs- bzw. Risikofaktoren über verschiedene Bildungsniveaus hinweg, so fällt auf, dass beinahe alle Faktoren das gleiche Muster aufweisen: Teilnehmer aus der Gruppe der Niedriggebildeten haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, von Risikofaktoren betroffen zu sein, als Teilnehmer mit mittlerem oder hohem Bildungsniveau. Die Hochgebildeten sind meist am wenigsten betroffen. Sehr deutlich ist dieses Ergebnis bei dem erfragten Risikofaktor "Bezug von SGB II Leistungen": 60% der Niedriggebildeten beziehen diese Leistung, während nur 6% der hochgebildeten Teilnehmerinnen und Teilnehmer dies tun. 

"Ungeplante Schwangerschaft" ist ein weiteres Risikomerkmal, bei welchem das beschriebene Muster klar hervortritt: Der Unterschied zwischen den Extremgruppen liegt bei 30% (43% der Niedriggebildeten, aber nur 13% der Hochgebildeten gaben an, dass die Schwangerschaft ungeplant war).

Das einzige Risikomerkmal, in dem das beschriebene Muster nicht zu finden ist, ist die "erhöhte elterliche Stressbelastung". Sowohl bei den Niedriggebildeten als auch bei den Hochgebildeten sind knapp 20% von Stressbelastung betroffen. Das Risikomerkmal "elterliche Stressbelastung" tritt damit unabhängig vom elterlichen Bildungsniveau auf. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Bildung zwar mit sehr vielen, jedoch nicht allen hier relevanten Faktoren zusammenhängt. Insbesondere der für die vorliegende Zielgruppe hoch relevante Bereich des elterlichen Stresses scheint also mit anderen Faktoren zu korrespondieren. 


Kenntnis von Hilfsangeboten und Zusammenhang zu Bildung

Abb. 4: Kenntnis und Inanspruchnahme von Hilfsangeboten in Verbindung mit dem Bildungsgrad nach ISCEDAbbildung 4

Betrachtet man die generelle Kenntnis (nicht Nutzung) von Hilfsangeboten für junge Familien, so fällt auf, dass insgesamt nur durchschnittlich über die Hälfte der Befragten die Angebote kennen. Aufgeteilt nach dem Merkmal "Bildungsgrad" zeigt sich, dass die Gruppe der Hochgebildeten mehr Angebote der Frühen Hilfen kennt, als die Gruppe mit mittlerer oder niedriger Bildung. Die Stärke dieser Tendenz unterscheidet sich dabei deutlich in Abhängigkeit des erfragten Angebotes. Bei der Kenntnis von "Hebammen" oder "Schwangerschaftsberatung" beispielsweise unterscheiden sich die verschiedenen Bildungsgruppen fast überhaupt nicht (Hebammen: 99% Kenntnis bei Hochgebildeten, 90% bei Niedriggebildeten; Schwangerschaftsberatung: 83% Kenntnis bei Hochgebildeten, 74% Kenntnis bei Niedriggebildeten). Deutliche Unterschiede im Kenntnisstand gibt es hingegen bei "spezieller Beratung" und bei "Elternkursen", beides Angebote, die Hochgebildete wesentlich häufiger kennen. (s. Abb. 4)

Abb. 5: Aktives Angebot von Hilfsangeboten in Verbindung mit dem Bildungsgrad nach ISCEDAbbildung 5

Bei einigen Angeboten ist nicht die Kenntnis entscheidend, sondern die Tatsache, dass diese Angebote den Eltern aktiv, z.B. vom Jugendamt, angeboten werden. Abgefragt wurden diesbezüglich das aktive Anbieten sowie die Inanspruchnahme von "Familienhebammen", "einmaligem Willkommensbesuchen", "ehrenamtlicher Besuche" sowie "Broschüren über Angebote für Familien mit Säuglingen und Kleinkindern". Betrachtet man dabei die Prozentwerte nach Bildungshintergrund, so kann hier kein eindeutiger Trend ausmacht werden. Meist wurden die Hilfsangebote allen Familien in relativ vergleichbaren Größenordnungen angeboten. Lediglich bei den "Familienhebammen"  zeigt sich die Tendenz, dass der Gruppe der Niedriggebildeten häufiger dieses Angebot unterbreitet wurde. (s. Abb. 5) 


Inanspruchnahme von Hilfsangeboten und Zusammenhang zu Bildung

Bei den Verteilungen zur Häufigkeit der Inanspruchnahme der Angebote, die den Familien bereits bekannt waren, variiert die Inanspruchnahmerate über die verschiedenen Angebote hinweg je nach Bildungsniveau (in drei Gruppen eingeteilt) sehr stark. Manche Angebote - wie etwa (reguläre) "Hebammen" - werden  je nach Bildungsniveau von 68-93% der befragten Familien genutzt, während Angebote wie "Telefon- und Onlineberatung" über die drei Gruppen hinweg fast gar nicht genutzt werden. Die Inanspruchnahmeraten von "Geburtsvorbereitungskursen", "Hebammenhilfe", "medizinischer Angebote" und "Eltern-Kind-Gruppen" steigen mit zunehmender Bildung. Angebote, die eher bei spezifischen Problemen aufgesucht werden, "wie Schwangerschaftsberatung", "Familien-/Erziehungsberatungsstelle" und "Frühförderung" hingegen, werden häufiger von Familien mit niedrigerer Bildung aufgesucht. Dabei ist anzumerken ist, dass diese Angebote auch insgesamt weniger in Anspruch genommen werden. 

Hinsichtlich der Inanspruchnahme der Hilfsangebote, die den Familien aktiv angebotenen wurden, ist ein ähnliches Muster zu beobachten, wie bei bereits bekannten Angeboten. Es zeigt sich jedoch, dass anteilig mehr Familien aus der Gruppe mit niedriger Bildung das Angebot der "Familienhebamme" annehmen. Auch bei "ehrenamtlichen Besuchen" nehmen die Niedriggebildeten die Hilfe häufiger an als höher Gebildete. Nur beim "einmaligen Willkommensbesuch" zeigt sich dieses Muster nicht. Hier nehmen alle drei Gruppen beinahe gleich häufig die angebotene Hilfe an (jeweils ca. 60% der Familien, denen die Hilfe angeboten wurde).


Kenntnis und Nutzung der Netzwerke Frühe Hilfen durch die teilnehmenden Kinderärztinnen und -ärzte

Die Ärztinnen und Ärzte, in deren Praxen Familien befragt wurden und die sich zusätzlich bereit erklärt haben, selbst an einer Fragebogenerhebung teilzunehmen, wurden nach ihren Kenntnissen und Meinungen zu Frühen Hilfen im Generellen sowie zu ihrem jeweiligen lokalen Netzwerk befragt. Die folgenden Ergebnisse beruhen auf der Auswertung einer vorläufigen Stichprobe von N = 200 (Stand März 2017). 

Abb. 6: Kenntnis des Netzwerkes Frühe Hilfen an sichAbbildung 6

Die große Mehrheit der Befragten (86,5%) kennt ihr kommunales Netzwerk der Frühen Hilfen. Lediglich knapp 10% der Ärzte sagten, dass es ihnen nicht bekannt sei, weitere 2,5% der Ärzte gaben an, dass es bei ihnen kein solches Netzwerk gebe. (s. Abb. 6) Zudem hatten 71% der Ärztinnen und Ärzte im Jahr 2014 mindestens einmal Kontakt mit dem Netzwerk, indem sie zum Beispiel eine Informationsveranstaltung besuchten.

Abb. 7: Den ÄrztInnen bekannte konkrete Vermittlungsmöglichkeiten (N = 177)Abbildung 7

In einer offenen Abfrage hatten die Kinderärztinnen und -ärzte dann die Möglichkeit, die ihnen als Vermittlungsmöglichkeiten bekannten Institutionen konkret zu nennen. Davon machten 88,5% der Befragten Gebrauch (Mehrfachnennungen waren möglich; in der Regel gab es ein bis zwei Nennungen pro Ausfüllendem). Hierbei wurde am häufigsten die Möglichkeit genannt, Familien an Jugendämter zu verweisen (n = 54), gefolgt von Beratungsstellen aller Art (36) und Familienhebammen (31). Ein Fünftel der Ärztinnen und Ärzte nannten auch die allgemeine Verweismöglichkeit zu "Frühen Hilfen", ohne diese jedoch weiter zu spezifizieren. 30 Pädiater nannten "Koordination/Netzwerk Frühe Hilfen", 10% "weitere Ärzte, eine Klinik, psychiatrische Ambulanz oder SPZ" als bekannte Vermittlungsmöglichkeit. Spezifische Programme wie "Wellcome" wurden insgesamt 10 Mal genannt und darüber hinaus wurden noch Anlaufstellen wie Frühförderung oder Gesundheitsämter (9 bzw. 7) erwähnt. Vereinzelnd genannt wurden noch (weitere) Angebote von Stadt oder Kirche. (s. Abb. 7)

Abb. 8: Vermittlung ans Netzwerk Frühe HilfenAbbildung 8

Eine tatsächliche Vermittlung hatte bei gut der Hälfte der Ausfüllenden stattgefunden: 59% der Befragten gaben an, dass sie im Jahr 2014 eine oder mehrere Familien an das Netzwerk Frühe Hilfen vermittelt haben. (s. Abb. 8) 

Abb. 9: Zustimmung zu Aussagen zur konzeptionellen Ausrichtung Früher HilfenAbbildung 9

Abschließend wurden die Teilnehmenden um ihre Einschätzung zur konzeptionellen Ausrichtung der Frühen Hilfen gebeten. Dabei ergibt sich ein heterogenes Bild. (s. Abb. 9)

Hinsichtlich der Zuständigkeit von Frühen Hilfen gehen die Meinungen auseinander: 55% stimmten der Aussage "eher" oder "voll und ganz" zu, Frühe Hilfen seien Unterstützungsangebote für "alle" (angehenden) Eltern – also ein primär präventives Angebot. Allerdings stimmte darüber hinaus die große Mehrheit der befragten Ärztinnen und Ärzte (95%) der Aussage zu, dass Frühe Hilfen ein Unterstützungsangebot für Familien in "belasteten Lebenslagen" seien – und damit ein sekundär präventives Angebot. Die Frage, ob Frühe Hilfen Angebote für "Familien in oder nach Krisen" – und damit ein tertiär präventives Angebot – seien, konnten 89,5% der Teilnehmenden bejahen.

Hinsichtlich des Alters der Zielgruppe der Frühen Hilfen zeigt sich ebenfalls ein breites Spektrum an Antworten. So stimmten zwei Drittel der befragten Kinderärzte "voll und ganz" oder "eher" zu, dass die Frühen Hilfen Unterstützungsangebote für Familien mit Kindern "bis zur Vollendung des 1. Lebensjahres" seien. Auch der Aussage, dass Frühe Hilfen Unterstützungsangebote für Familien mit Kindern "bis zur Vollendung des 3. Lebensjahres" seien, stimmten 73% zu. Bei der Frage, ob Frühe Hilfen ein Unterstützungsangebot für Familien mit Kindern "bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres" seien, verschiebt sich das Antwortmuster in Richtung Ablehnung. Die Hälfte der befragten Kinderärztinnen und Ärzte stimmte dieser Aussage "eher nicht" oder "gar nicht" zu (51%), allerdings konnten 31,5% dies auch bejahen (mit den Antworten "eher" und "voll und ganz"). 17% der Befragten waren der Meinung, dass Frühe Hilfen ein Unterstützungsangebot für Familien mit Kindern "über 6 Jahren" seien; 51% stimmten hier "eher nicht" oder "gar nicht" zu.

In dem abschließenden Themenblock sollten Aussagen zur konzeptionellen Zuordnung der Maßnahmen bewertet werden. Die meisten Befragten sind hier der Meinung, dass Frühe Hilfen eine "Maßnahme zur Verbesserung des Kinderschutzes" seien. Eine große Mehrheit von 92% der Befragten stimmte dieser Aussage entweder "voll und ganz" oder "eher" zu. Keiner der Teilnehmenden stimmte dieser Aussage gar nicht zu. Jeweils 84% stimmten ("eher" oder "voll und ganz") zu, dass Frühe Hilfen eine "Maßnahme zur Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz" bzw. "einzelfallbezogene Hilfen" seien, 82,5%, dass Frühe Hilfen eine "Maßnahme zur Erkennung von kindlichen Risikolagen" seien. Eine leichte Mehrheit (59%) stimmte der Aussage zu, Frühe Hilfen seien eine "Maßnahme zur Gesundheitsförderung". Neun Ärztinnen und Ärzte (4,5%) stimmten hier "gar nicht" zu. Weniger überzeugt sind die Kinderärztinnen und –ärzte davon, dass Frühe Hilfen eine "Maßnahme der Infrastrukturentwicklung" seien. Lediglich 19,5% der Befragten stimmten dieser Aussage "voll und ganz" zu.

Video-Vortrag

Präsentationen / Folienvorträge

Artikel

Posterpräsentationen

Publikationen

Der Datenreport Frühe Hilfen 2015 präsentiert Daten, Analysen und Ausblicke aus überregionalen Studien zur aktuellen Entwicklung und Ausgestaltung von Frühen Hilfen in Deutschland. Unter anderem werden Ergebnisse aus der Prävalenz- und Versorgungsforschung des NZFH vorgestellt, die durch die Bundesinitiative Frühe Hilfen angestoßen wurde. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Kooperation von Kinder- und Jugendhilfe mit dem Gesundheitswesen im Bereich Frühe Hilfen sowie der Schnittstelle zu den Hilfen zur Erziehung und zum intervenierenden Kinderschutz.

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Der vorliegende Zwischenbericht zur Bundesinitiative Frühe Hilfen gem. Art. 8 VV BIFH basiert auf den Ergebnissen der wissenschaftlichen Begleitforschung und den Erfahrungen der Kommunen, der Länder und der Bundesebene. Er bildet die Grundlage für die Beratungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen über den nach Abschluss der Bundesinitiative einzurichtenden Fonds.

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„Frühe Hilfen in Deutschland - Chancen und Herausforderungen" ist das Leitthema des Schwerpunkthefts Frühe Hilfen (Nr. 10/2016) der Monatszeitschrift „Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz“.

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Präsentation / Vortrag

Externe Links