Prof. Dr. Sabine Andresen
Prof. Dr. Sabine Andresen ist Pädagogin mit Schwerpunkt Kindheits- und Jugendforschung. Sie lehrt an der Universität Frankfurt/Main. (Foto: Gudrun-Holde Ortner)

Frühe Hilfen für Familien in Armutslagen 

Ein Interview mit Prof. Dr. Sabine Andresen

Frau Professorin Andresen, wenn Sie die aktuellen Ergebnisse der Armutsforschung betrachten: Wie kann die Situation der betroffenen Kinder verbessert werden?

Ein erster wichtiger Punkt ist, dass die materielle Basis von Familien besser werden muss. Ich sehe einen ganz zentralen Anknüpfungspunkt darin, dass es zu einer Umstellung der Förderung kommt, etwa in Richtung des Vorschlags der Kindergrundsicherung oder, wie es die Bertelsmann Stiftung zusammen mit einer Gruppe von Expertinnen und Experten vorschlägt, einer Teilhabe gewährenden Existenzsicherung für Kinder und Jugendliche. Wir müssen einfach sehen: Was sind durchschnittliche Möglichkeiten, die Kinder unterschiedlichen Alters in Deutschland haben, und an diesen empirischen Zahlen, die wir ja haben, können wir uns auch orientieren. Das sollte Grundlage für alle Kinder werden. Dazu braucht es finanzielle Unterstützung, dazu braucht es aber auch die Stärkung von Eltern und von deren familiären Ressourcen; dazu braucht es ein gutes Netzwerk auf kommunaler Ebene, eine gute Erreichbarkeit und vor allem auch eine Bündelung der unterschiedlichen Hilfen, damit den Müttern und Vätern ein schneller Überblick ermöglicht wird.

Was bedeutet Armut für die Kinder?

Armut bedeutet für Kinder, dass sie im Vergleich zu durchschnittlich gestellten Gleichaltrigen überall Mangel erleiden. Sie haben weniger Möglichkeiten, einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen, die Geld kostet; sie haben weniger Möglichkeiten, Ferien mit der Familien zu machen; sie machen häufiger als andere Kinder die Erfahrung, dass sie Nahrungsmittel beispielsweise von der Tafel, konsumieren, wo sie auch mit den Eltern hingehen. Sie können selten ihren eigenen Geburtstag in der elterlichen Wohnung feiern, und sie können auch häufig nicht zu Geburtstagen anderer Kinder gehen, weil das Geld für ein Geschenk fehlt. Insofern können wir für alle Lebens- und Erfahrungsbereiche beschreiben, welchen Mangel Kinder in Armutslagen erfahren. Sie haben einen deutlich geringeren Handlungs- und Entwicklungsspielraum.

Wie können diese Familien besser erreicht werden?

Wir haben eine Studie gemacht: „Kinder. Armut. Familie.“ , die wir 2015 veröffentlicht haben. Darin haben wir Mütter und Väter, viele von ihnen in SGB II-Leistung, mit einem oder mehreren Kindern interviewt und sind dabei auch der Frage nach der Erreichbarkeit und Unterstützung nachgegangen. Ganz zentral ist: Wir brauchen wirklich gute Ideen, wie die Hilfe aus einer Hand auf kommunaler Ebene möglich wird. Und wie die Anlaufstellen aussehen können, damit eine erwerbstätige, alleinerziehende Mutter – um mal eine strukturell benachteiligte Gruppe als Beispiel zu nehmen, die häufig in einer Armutslage lebt –, bei deren Tochter die Versetzung gefährdet ist, nicht noch einen umständliche Antrag ausfüllen muss, damit ihr Unterstützung gewährt wir. Eltern wie Fachkräfte beklagen den bürokratischen Aufwand, der mit dazu beiträgt, dass die Hilfe, die im Prinzip da wäre, nicht bei den Familien ankommt. Familien mit höherem Unterstützungsbedarf müssen viele verschiedene Stellen auf kommunaler Ebene anlaufen, was viel Zeit erfordert. Und die Eltern beklagen, dass es keine kontinuierlichen Ansprechpartner gibt und sie ihre Geschichte, ihre Biografie jedes Mal neu erzählen müssen. Das beschädigt ihr Vertrauen in Ämter und Behörden.

Welche Bedeutung kommt den Netzwerken Frühe Hilfen bei der Unterstützung der Familien zu?

Wir haben in unserer Studie nicht explizit nach Frühen Hilfen gefragt, aber die Ansätze der Frühen Hilfen gehen ja in die Richtung, dass Eltern möglichst stigmatisierungsfrei erst einmal Informationen bekommen und ihnen aufgezeigt wird, welche Möglichkeit es für sie als Familie mit einem Säugling, einem Kleinkind oder auch mit einem schon älteren Geschwisterkindern gibt, sich Unterstützung zu holen. Ich denke, ganz wichtig ist wirklich der stigmatisierungsfreie Zugang. Familien nehmen durchaus sensibel war, wie sie angesprochen werden. Ganz wichtig ist auch, dass sie die Lotsenfunktion der Frühen Hilfen erleben. Das kann sicher sehr hilfreich sein, auch zur Vermittlung in weitere Unterstützung und Hilfeangebot. Da sehe ich doch eine Reihe von möglichen Anknüpfungspunkten, die Hilfen so zu gestalten, dass sie bei den Familien ankommen und auch gut angenommen werden können. Das ist sicher sehr hilfreich.

Wo sehen Sie den wichtigsten Auftrag der Frühen Hilfen in Bezug auf Familien in Armutslagen?

Wichtig ist der Anspruch, dass sich die Frühen Hilfen an alle Familien wenden. Bei den Frühen Hilfen ist die Sensibilität gegenüber sozialen, strukturellen, alltäglichen Herausforderungen, die Familien in Armutslagen haben, von großer Bedeutung. Die Fachkräfte müssen sehr solides Wissen und Kompetenzen haben, um sensibel auf Familien zuzugehen, damit sich diese nicht stigmatisiert fühlen. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass gerade Familien in Armutslagen die enorme Bürokratie beklagen, die nach allem was wir wissen ja auch Hilfe behindert, etwa die Lernunterstützung im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets. Es darf nicht sein, dass Bürokratie Hilfe behindert. Dies müssen wir auch bei den Frühen Hilfen hinterfragen. Dritter Punkt ist, dass die Frühen Hilfen aufgrund ihrer Lotsenfunktionen wichtige Anlaufstellen für Familien sind, weil es gerade belasteten Eltern oft an Übersicht und Information fehlt. Wissen und Unterstützungsangebote aus einer Hand zu vermitteln, das kommt Familien sehr zugute.

Kontakt:

Prof. Dr. Sabine Andresen
Goethe Universität Frankfurt am Main
Fachbereich Erziehungswissenschaften
Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung
S.Andresen(at)em.uni-frankfurt.de


1Das Interview wurde am 8. Mai 2018 telefonisch geführt und aufgezeichnet.

2www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/kinder-armut-familie/