Vernachlässigung
Aussagen zur Verbreitung von Kindesvernachlässigung in Deutschland können nur eingeschränkt getroffen werden, da repräsentative Untersuchungsergebnisse fehlen.
Nicht-repräsentative Daten legen die Vermutung nahe, dass Kindesvernachlässigung die mit Abstand häufigste Gefährdungsform der im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe bekannt werdenden Fälle darstellt. In ihrer Tendenz wird diese Aussage auch dadurch untermauert, dass sich die Situation in allen Ländern, in denen bislang die Häufigkeit verschiedener Formen von Kindeswohlgefährdung untersucht wurde, ähnlich gestaltet (Galm et al. 2010, 38-40). Für Deutschland bestätigt dies etwa eine Befragung von Jugendämtern zu Fällen, in denen die Anrufung des Familiengerichts erforderlich war (Münder et al. 2000):
- 50% der Fälle: Vernachlässigung als zentrales Gefährdungsmerkmal
- 65% der Fälle: Vernachlässigung als ein Gefährdungsmerkmal
Erziehungsgewalt / körperliche Misshandlung
- Die Mehrheit der Eltern wendet zumindest minderschwere Formen physischer Erziehungsgewalt an, etwa leichte Ohrfeigen oder einen Klaps (Bussmann 2002, 2003, 2005, Pfeiffer et al. 1997, 1999, Baier et al. 2009).
- Ca. 10% bis 15% der Eltern wenden schwerwiegendere und häufigere körperliche Bestrafungen an (Engfer 2005).
- Insgesamt ist die Tendenz eher abnehmend.
Kindstötung
- Jährlich werden in Deutschland etwa 100 Kinder unter 15 Jahren Opfer einer Kindstötung (UNICEF 2003). Dabei sind im engeren Sinne nicht alle Fälle auf Kindesmisshandlung bzw. -vernachlässigung mit Todesfolge zurückzuführen.
- Laut Todesursachenstatistik kamen in den letzten Jahren (1998-2008) zwischen 40 und 66 Kinder unter 10 Jahren jährlich durch einen so genannten tätlichen Angriff im Sinne des ICD 10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision) ums Leben. Dazu gehören verschiedene Formen der Misshandlung und Vernachlässigung. Betroffen sind vor allem Säuglinge und Kleinkinder, die meisten haben das erste Lebensjahr noch nicht vollendet. Deren Zahl liegt im benannten Zeitraum zwischen 19 und 35 (Statistisches Bundesamt 2009).
- Die Zahl der Kinder unter 10 Jahren, die durch tätlichen Angriff zu Tode gekommen sind, ist in den letzten 25 Jahren um mehr als die Hälfte gesunken (Angaben nach ICD 9 / ICD 10).
Eingriffe in die elterliche Sorge
- Im Jahr 2009 wurden 3.239 Kinder unter 3 Jahren in Obhut genommen. Zwischen 1995 und 2001 ist ein Anstieg um ca. 40% zu verzeichnen. In den Folgejahren bleibt das Fallzahlvolumen vergleichsweise konstant. Seit der Einführung des §8a SGB VIII im Jahr 2005 wächst die Zahl der Inobhutnahmen: zwischen 2005 und 2009 um ca. 81% bei Kindern bis zu 3 Jahren (Statistisches Bundesamt 2010).
- Je jünger die Kinder sind, desto häufiger folgt der Inobhutnahme die Unterbringung in einer Pflegefamilie oder in einem Heim (etwa 40% der unter 6-Jährigen).
- Die Zahl der Sorgerechtsentzüge ist bei Eltern mit Kindern bis zu 3 Jahren am höchsten (KOMDAT Jugendhilfe 2009).
Hilfen zur Erziehung bei unter 6-Jährigen
- Eltern haben das Recht auf Hilfe zur Erziehung, "wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist" (§ 27 Abs. 1 SGB VIII).
- Hilfen zur Erziehung (§§ 27 ff. SGB VIII) werden den Familien oft auch dann angeboten, wenn es bereits zu einer Kindeswohlgefährdung gekommen ist.
- Bei jeder sechsten Hilfe geht es um Kindeswohlgefährdung (KOMDAT Jugendhilfe 2009).
- Seit Beginn der 1990er Jahre zeigt sich für den Bereich der familienunterstützenden und -ergänzenden Hilfen eine deutliche Zunahme im Gegensatz zu den familienersetzenden Hilfen (KOMDAT Jugendhilfe 2006).
Quellen
Baier, D., Pfeiffer, C., Simonson, J., Rabold, S. (2009): Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt. Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Inneren und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. (Forschungsbericht Nr. 107). Hannover.
Bussmann, K.-D. (2002): Das Recht auf gewaltfreie Erziehung aus juristischer und empirischer Sicht. In: Familie – Partnerschaft – Recht, 7, 289-293.
Bussmann, K.-D. (2003): Erste Auswirkungen des Gesetzes zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung. In: IKK-Nachrichten (1-2), 1-4.
Bussmann, K.-D. (2005): Report über die Auswirkungen des Gesetzes zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung. Vergleich der Studien von 2001/2002 und 2005 – Eltern-, Jugend- und Expertenbefragung. Berlin.
Engfer, A. (2005): Formen der Misshandlung von Kindern – Definitionen, Häufigkeiten, Erklärungsansätze. In: Egle, U. T., Hoffmann, S. O., Joraschky, P. (Hrsg.). Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. Erkennung, Therapie und Prävention der Folgen früher Stresserfahrungen. Stuttgart, 3-19.
Galm, B., Hees, K., Kindler, H. (2010): Kindesvernachlässigung - verstehen, erkennen und helfen. München, 38-40.
KOMDAT Jugendhilfe (Kommentierte Daten der Jugendhilfe, Informationsdienst der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik), 9. Jg., Sonderausgabe Oktober 2006.
KOMDAT Jugendhilfe (Kommentierte Daten der Jugendhilfe, Informationsdienst der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik), 12. Jg., September 2009.
Münder, J., Mutke, B., Schone, R. (2000): Kindeswohl zwischen Jugendhilfe und Justiz. Professionelles Handeln in Kindeswohlverfahren. Münster.
Pfeiffer, C., Wetzels, P. (1997): Kinder als Täter und Opfer. Eine Analyse auf der Basis der PKS und einer repräsentativen Opferbefragung. (Forschungsbericht Nr. 68). Hannover.
Pfeiffer, C., Wetzels, P., Enzmann, D. (1999): Innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und ihre Auswirkungen. (Forschungsbericht Nr. 80). Hannover.
Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2009): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe - Vorläufige Schutzmaßnahmen 2008 (https://www-ec.destatis.de).
Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2009): Sterbefälle nach äußeren Ursachen und ihren Folgen (ab 1998). Gliederungsmerkmale: Jahre, Region, Alter, Geschlecht, Nationalität, ICD-10 (V-Y), ICD-10 (S-T) (http://www.gbe-bund.de).
Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2010): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe: Vorläufige Schutzmaßnahmen 2009 (http://www-ec.destatis.de).
Unicef (2003). A League Table of Child Maltreatment Deaths in Rich Nations. Florence.
Links zum Thema
-
§ 27 SGB VIII Hilfe zur Erziehung
Gesetzestext im Online-Angebot des Bundesministeriums der Justiz (Recherchedatum: 23.06.2010)
-
§ 8a SGB VIII Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung
Gesetzestext im Online-Angebot des Bundesministeriums der Justiz (Recherchedatum: 23.06.2010)
-
Statistisches Bundesamts - Pressemitteilung vom 25.06.2009
Inhalt der Mitteilung sind die um 14% gestiegenen Inobhutnahmen durch Jugendämter im Jahr 2008. Zudem wird hier ein Publikationsservice angeboten, der kostenlos Informationen zu "Kinder- und Jugendhilfestatistiken - Vorläufige Schutzmaßnahmen 2008" bereitstellt. (Recherchedatum: 22.06.2010)
-
Die Literaturdatenbank des beim DJI angesiedelten Instituts Kindesmisshandlung / Kindesvernachlässigung (IzKK) ermöglicht die Recherche nach Fachliteratur zum Thema "Gewalt gegen Kinder" nach verschiedenen Suchkriterien. Die Datenbank mit über 15.000 Literaturnachweisen wird ständig erweitert. (Recherchedatum: 08.07.2010)
-
Der dreimal jährlich veröffentlichte Informationsdienst der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJStat) bietet die Analyse aktueller Entwicklungen in der Jugendhilfe. Das Heft aktuelle Heft Nr. 2/2010 steht im Online-Angebot der AKJ zum kostenlosen Download bereit. (Recherchedatum: 21.12.2011






