Die Entwicklung von Kindern bei unterschiedlicher familiärer Belastung: Bindungsdynamik im transaktionalen Entwicklungsprozess

Vortrag von Gottfried Spangler, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Prof. Dr. Gottfried SpanglerProf. Dr. Gottfried Spangler

Grundlagen der Bindungsentwicklung

Die Bindungen des Kindes spielen eine zentrale Rolle für die kindliche Entwicklung. Bindung besitzt nach Bowlby (1969) eine biologische Funktion, da die Aufrechterhaltung von Nähe zu den Bezugspersonen zum Schutz des Kindes vor Gefahren in der Umgebung und zur Möglichkeit beiträgt, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu lernen, die es für das Überleben braucht. Die psychologische Funktion von Bindung liegt in der emotionalen Regulation. Kinder benötigen insbesondere als kleine Säuglinge, die über nur sehr geringe eigene emotionale Regulationsfähigkeiten verfügen, externe Regulation durch ihre Bezugspersonen. Sie erlernen im Verlauf der Entwicklung im Kleinkindalter auf dem Hintergrund ihrer spezifischen Erfahrungen eigene Emotionsregulationsstrategien, insbesondere auch die Fähigkeit, soziale Unterstützung in Anspruch zu nehmen und die Hilfe der Bezugsperson bei der Regulation von Emotionen zu nutzen.

Solche Emotionsregulationsstrategien kennzeichnen unterschiedliche Bindungsmuster, die sich bis zum Ende des ersten Lebensjahres entwickeln (Ainsworth et al., 1978; Main & Solomon, 1988). Wenn das Bindungsverhaltenssystem aktiviert ist, bringen sicher gebundene Kinder ihren Kummer bzw. ihre negativen Gefühle gegenüber der Bezugsperson zum Ausdruck und können sich mit ihrer Hilfe wieder beruhigen. Bei unsicher gebundenen Kindern werden verschiedene Strategien vorgefunden. Unsichervermeidend gebundene Kinder zeigen ihren Kummer kaum und vermeiden den Kontakt zur Bezugsperson; sie sind also nicht in der Lage, die Bezugsperson zur Regulation ihrer negativen Gefühle zu nutzen. Dagegen bringen unsicher-ambivalent gebundene Kinder den Kummer zwar zum Ausdruck – vermischt mit deutlichem Ärger – und verlangen auch die Nähe der Bezugsperson, sie sind aber gleichzeitig nicht in der Lage, sich mit Hilfe der Bezugsperson zu regulieren. Schließlich sind die Bindungsstrategien der sog. desorganisiert gebundenen Kinder brüchig oder fehlen völlig, sodass eine adäquate Regulation nicht erfolgen kann.

Zur Entwicklung von Unterschieden in der Bindungssicherheit trägt wesentlich die Feinfühligkeit der Bezugsperson bei, d. h. ihre Fähigkeit, Emotionen und Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen, sie adäquat zu interpretieren und prompt und angemessen darauf zu reagieren (Ainsworth et al., 1978). Bindungsdesorganisation kann entstehen, wenn die Bezugsperson sich ängstlich oder beängstigend gegenüber dem Kind verhält, sodass das Kind Regulation bei der Person suchen muss, die zur Aktivierung des Bindungsverhaltenssystems beigetragen hat (Main & Solomon, 1988). Allerdings gibt es im Hinblick auf Desorganisation auch Hinweise auf den Einfluss individueller (genetischer) Dispositionen (Lakatos et al., 2000), die jedoch nur bei ungünstigem Elternverhalten zum Tragen kommen (Spangler et al., 2009; Spangler, 2013).

Nach dem Konzept der Bindungs-Explorations-Balance ermöglicht eine sichere Bindung dem Kind, sich der Umwelt zuzuwenden, sie zu explorieren und darauf aufbauend wichtige Lernerfahrungen zu machen. Der Aufbau einer sicheren Bindung stellt nach Sroufe (1979) zudem eine wesentliche Entwicklungsthematik dar, deren erfolgreiche Bewältigung Grundvoraussetzung für weitere Entwicklungsthemen ist, insbesondere die Entwicklung von Autonomie. Die Bindungsforschung hat deutlich gezeigt, dass Bindungssicherheit die sozial-emotionale Entwicklung und die Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflusst bzw. in der Entwicklung als Schutzfaktor beim Vorliegen von Risikofaktoren fungiert, während die Bindungsdesorganisation einen Risikofaktor für die Entwicklung von Verhaltensauffälligkeiten darstellt (Thompson, 2008).

Bindung und Entwicklung bei familiärer Belastung

Bei der gegebenen Funktion der kindlichen Bindungssicherheit als Schutzfaktor stellt sich die Frage nach der spezifischen Rolle von Bindung bei Kindern, die in hochbelasteten Familien aufwachsen. In einer derzeit laufenden Längsschnittstudie* (Spangler, Zimmermann & Vierhaus, 2014) untersuchen wir zunächst den Einfluss der familiären Belastung auf die kindliche Entwicklung. Hier werden bei Kindern aus Familien mit unterschiedlicher Belastung in den ersten beiden Lebensjahren Entwicklungsmerkmale, ihre Fähigkeit zur emotionalen Regulation, die Qualität ihrer Bindung sowie die Qualität des elterlichen Verhaltens erfasst. Belastungseinflüsse lassen sich ersten Befunden zufolge sowohl für die kognitive und sprachliche Entwicklung als auch für die Entwicklung von psychischen Auffälligkeiten und Verhaltensproblemen nachweisen – und dies nicht nur bei hoher Belastung, sondern auch bei mittleren Belastungsausprägungen.

Ein Hauptziel dieser Studie ist es allerdings, die vermittelnden oder moderierenden bzw. verstärkenden Prozesse in der Wirkung familiärer Belastung auf die kindliche Entwicklung zu erforschen. Belastung kann nach Vernon-Feagans et al. (2013) entweder die Verfügbarkeit materieller und sozialer Ressourcen zur Anregung und Förderung des Kindes einschränken oder die Qualität der elterlichen Interaktions- und Beziehungsqualität beeinträchtigen. Entsprechend betrachten wir das elterliche Verhalten als eine der zentralen vermittelnden Variablen, wobei wir davon ausgehen, dass belastungsbedingte Beeinträchtigungen des elterlichen Verhaltens durch die Merkmale der Eltern (z. B. die subjektive Empfindung der Belastung, Depressivität, Unterstützungsfaktoren) verstärkt oder gemildert werden können. Ob und in welchem Ausmaß sich mangelnde Förderung und Unterstützung durch die Eltern tatsächlich negativ auf die kindliche Entwicklung auswirkt, kann schließlich durch kindliche Vulnerabilitäts- oder Resilienzmerkmale moderiert werden (Belsky & Pluess, 2009).

Bindungssicherheit stellt ein zentrales kindliches Resilienzmerkmal dar (Spangler & Zimmermann, 1999), da sicher gebundene Kinder (auf dem Hintergrund der Erfahrungen von emotionaler Verfügbarkeit der Bezugsperson) bei Kummer oder Belastung ihre Emotionen besser regulieren und auf die Unterstützung ihrer Bezugspersonen zurückgreifen können. Bei Kindern aus hochbelasteten Familien resultiert hier eine besondere Dynamik für die Bindung. Die Funktion von Schutzfaktoren wird immer dann salient, wenn gleichzeitig Risikofaktoren gegeben sind. Betrachtet man familiäre Belastung als Risikofaktor, so ist anzunehmen, dass Bindungssicherheit hier als Schutzfaktor für die kindliche Entwicklung wirksam werden kann. Dies soll in der Längsschnittstudie ebenfalls untersucht werden.

Transaktionale Prozesse bei der Entwicklung von Bindungssicherheit

Erklärungsmodelle für den Einfluss der Bindungssicherheit gestalten sich allerdings kompliziert, da die Entwicklung von Bindungssicherheit ihrerseits bei gegebener familiärer Belastung aufgrund der dadurch bedingten Einschränkung der emotionalen Verfügbarkeit bzw. Feinfühligkeit der Eltern beeinträchtigt werden kann. Familiäre Belastung kann somit die Bindungssicherheit in einem Kontext gefährden, in dem diese von essentieller Bedeutung für die kindliche Entwicklung ist. Hier ist von transaktionalen Prozessen auszugehen, die auf dem Hintergrund transgenerationaler Transmission von Bindung (z. B. Bernier, Matte-Gagné, Bélanger, & Whipple, 2014) auch Merkmale der elterlichen Bindungsrepräsentation einschließen. So könnte es Eltern bei eigenen positiven oder reflektierten Bindungserfahrungen und daraus resultierender sicherer Bindungsrepräsentation besser gelingen, bei familiärer Belastung eigene negative Emotionen und Belastungen zu regulieren, damit für das Kind emotional verfügbar zu sein und somit die Belastung vom Kind fernzuhalten bzw. das Kind bei der Regulation eigener Belastung zu unterstützen. Gelingt es Eltern aufgrund eigener Erfahrungen in der Entwicklung oder durch aktuelle Unterstützung, trotz gegebener familiärer Belastung ihre emotionale Verfügbarkeit aufrechtzuerhalten, ermöglicht dies dem Kind den Aufbau einer sicheren Bindungsbeziehung und damit eigener autonomer und sozialer Strategien der emotionalen Regulation. So kann das Kind erlebte emotionale Belastung besser bewältigen und aus Belastung resultierende negative Konsequenzen für Exploration und Lernen können vermieden werden. Die aus den beschriebenen Bindungsprozessen resultierende Risikomilderung bezüglich der Entwicklung und emotionalen Belastung des Kindes trägt wiederum zur Minderung der familiären Belastung bei, sodass transaktionale Prozesse hier offensichtlich werden.

Geht man von der Schutzfunktion der Bindungssicherheit und der bei hochbelasteten Familien anzunehmenden Bindungsdynamik aus, ergeben sich daraus auch Konsequenzen für Präventions- und Interventionsprogramme in der frühen Kindheit, die mittlerweile häufig Komponenten zur Förderung elterlicher Feinfühligkeit beinhalten (z. B. Bovenschen et al., 2012). Ausgehend von den beschriebenen transaktionalen Prozessen können hier einerseits durch solche Programme positive Entwicklungsprozesse im Hinblick auf elterliches Verhalten und daraus resultierende Bindungssicherheit angestoßen werden; andererseits ist zu berücksichtigen, dass familiäre Belastungsfaktoren trotzdem nach wie vor die Performanz elterlicher Verhaltenskompetenzen beeinträchtigen können. Um nachhaltige Präventions- und Interventionseffekte zu gewährleisten, sind deswegen Kurzzeitinterventionen wahrscheinlich nicht ausreichend.

* Die Studie wird vom Nationalen Zentrum Frühe Hilfen aus Mitteln der Bundesinitiative Frühe Hilfen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

Literatur:

Ainsworth, M.D.S., Blehar, M.C., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment. A Psychological Study of the Strange Situation. Hillsdale, NJ: Erlbaum.

Belsky, J., & Pluess, M. (2009). Beyond Diathesis-Stress: Differential Susceptibility to Environmental Influences. Psychological Bulletin, 135(6), 885–908.

Bernier, A., Matte Gagné, C., Bélanger, M., & Whipple, N. (2014). Taking stock of two decades of attachment transmission gap: Broadening the assessment of maternal behavior. Child Development, 85(5), 1852–1865.

Bovenschen, I., Gabler, S., Spangler, G., Pillhofer, M., Künster, A.K., et al. (2012). Videogestützte Beratung zur Beziehungsförderung bei jungen Müttern und ihren Säuglingen – Auswirkungen auf die mütterliche Feinfühligkeit. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 59, 275–289.

Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss. Vol. 1: Attachment. London: The Hogarth Press.

Lakatos, K., Toth, I., Nemoda, Z., Ney, K., Sasvari-Szekely, M., & Gervai, J. (2000). Dopamine D4 receptor (DRD4) gene polymorphism is associated with attachment disorganization in infants. Molecular Psychiatry, 5, 633–637.

Main, M. & Solomon, J. (1990). Procedures for identifying infants as disorganized/ disoriented during the Ainsworth strange situation. In: Greenberg, M.T., Cicchetti, D., & Cummings, E.M. (Eds.). Attachment in the Preschool Years: Theory, Research, and Intervention (Vol. 121–160). Chicago: University of Chicago Press.

Spangler, G., Zimmermann, P., & Vierhaus, M. (2014). Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern aus Familien mit unterschiedlichem Ausmaß an Belastung. Unveröffentlichter Forschungsantrag.

Spangler, G. (2013). Individual dispositions as precursors of differences in attachment quality: Why maternal sensitivity is nevertheless important. Attachment and Human Development, 15(5–6), 657–672.

Spangler, G., Johann, M., Ronai, Z., & Zimmermann, P. (2009). Genetic and environ- mental influence on attachment disorganization. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 50(8), 952–961.

Spangler, G., & Zimmermann, P. (1999). Bindung und Anpassung im Lebenslauf: Erklärungsansätze und empirische Grundlagen für Entwicklungsprognosen. In: Oerter, R., v. Hagen, C., Röper, G., & Noam, G. (Hrsg.). Klinische Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Sroufe, L.A. (1979). The coherence of individual development: Early care, attachment, and subsequent developmental issues. American Psychologist, 34(10), 834–841.

Thompson, R.A. (2008). The development of the person: Social understanding, relationships, conscience, self. In: Damon, W., & Lerner, R.M. (Eds.), Handbook of Child Psychology: Vol. 3 (Volume Ed. N. Eisenberg): Social, Emotional, and Personality Development (24–98). Chichester: Wiley.

Vernon-Feagans, L., Cox, M., and the FLP Key Investigators (2013). The Family Life Project: An Epidemiological and Developmental Study of Young Children Living in Poor Rural Communities. Monographs of the Society for Research in Child Develop- ment, 78(5), 1–150.