Wie das Gehirn die Seele macht

Vortrag von Gerhard Roth, Universität Bremen

Prof. Dr. Dr. Gerhard RothProf. Dr. Dr. Gerhard Roth

1. Die »Seele« aus Sicht der Psycho-Neurowissenschaften

Seelisch-geistig-psychische Zustände entstehen durch die Aktivität vieler Hirnzentren. Es gibt keine solchen Zustände ohne Hirnaktivitäten. Dasselbe gilt für die Persönlichkeit, die sich von Beginn an, d. h. schon weit vor der Geburt, in strengem Zusammenhang mit der Entwicklung des Gehirns entwickelt. Diese Entwicklung der Psyche und der Persönlichkeit findet nach dem Vier-Ebenen-Modell von Roth-Cierpka-Strüber auf drei limbischen und einer kognitiven Ebene des Gehirns statt.

UNTERE LIMBISCHE EBENE (Hypothalamus usw.): Ebene unbewusst wirkender angeborener Reaktionen und Antriebe: Schlafen – Wachen, Nahrungsaufnahme, Sexualität, Aggression – Verteidigung – Flucht, Dominanz, Wut usw. Diese Ebene ist überwiegend genetisch-epigenetisch oder durch vorgeburtliche Einflüsse bedingt und macht unser Temperament aus. Sie ist durch Erfahrung und Erziehung kaum zu beeinflussen. Hierzu gehören grundlegende Persönlichkeitsmerkmale wie Stresstoleranz, Fähigkeit zur Selbstberuhigung, Selbstvertrauen, Offenheit – Verschlossenheit, Impulshemmung, Umgang mit Risiken.

MITTLERE LIMBISCHE EBENE (basolaterale Amygdala, Nucleus accumbens, VTA): Ebene der unbewussten emotionalen Konditionierung: Anbindung elementarer Emotionen (Furcht, Freude, Glück, Verachtung, Ekel, Neugierde, Hoffnung, Enttäuschung und Erwartung) an individuelle Lebensumstände. Fähigkeit zu nichtverbaler emotionaler Kommunikation. Grundlegende motivationale Antriebe: Art und Stärke der Belohnungserwartung (materiell, sozial, intrinsisch) und Enttäuschungsempfindlichkeit. Diese Ebene macht zusammen mit der ersten Ebene (Temperament) den Kern unserer Persönlichkeit aus. Dieser Kern entwickelt sich in den ersten Lebensjahren und ist im Jugend- und Erwachsenenalter nur über starke emotionale oder lang anhaltende Einwirkungen veränderbar.

OBERE LIMBISCHE EBENE (prä- und orbitofrontaler, cingulärer und insulärer Cortex): Ebene des bewussten emotional-sozialen Lernens: Gewinn- und Erfolgsstreben, Anerkennung – Ruhm, Freundschaft, Liebe, soziale Nähe, Hilfsbereitschaft, Moral, Ethik. Sie entwickelt sich in später Kindheit und Jugend. Sie wird wesentlich durch sozial-emotionale Erfahrungen beeinflusst. Hier werden zusammen mit den unteren Ebenen grundlegende sozial relevante Persönlichkeitsmerkmale festgelegt wie Machtstreben, Dominanz, Empathie, Verfolgung von Zielen und Kommunikationsbereitschaft.

KOGNITIV-SPRACHLICHE EBENE (linke Großhirnrinde, bes. Sprachzentren und dorsolateraler präfrontaler Cortex): Ebene der bewussten sprachlich-rationalen Kommunikation: bewusste Handlungsplanung, Erklärung der Welt, Rechtfertigung des eigenen Verhaltens vor sich selbst und anderen. Sie entsteht relativ spät und verändert sich ein Leben lang. Hier lernen wir, wie wir uns darstellen sollen, um vorankommen. Abweichungen zwischen dieser Ebene und den anderen Ebenen führen zum Opportunismus oder zur Verstellung. Diese Ebene hat zu den anderen verhaltensrelevanten Ebenen keine direkte kontrollierende Verbindung: Einsicht führt nicht automatisch zum Handeln!

2. Sechs Psycho-Neutrale Systeme 

Das Geistig-Psychische entsteht auf den geschilderten Ebenen über die Ausbildung von sechs psycho-neuralen Systemen, die sich ihrerseits teils genetisch, teils umweltbedingt entwickeln, z.T. schon vor der Geburt.

  1. Stressverarbeitung: Wie werde ich mit Aufregungen fertig (aufregen und abregen)? Adrenalin- Noradrenalin, Cortisol, funktionierende negative Rückkopplung. Wird stark beeinträchtigt durch vorgeburtliche negative Einflüsse, d.h. über das Gehirn der Mutter, oder durch frühe nachgeburtliche Störungen, hauptsächlich im Rahmen einer negativen Bindungserfahrung wie Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch, depressive oder persönlichkeitsgestörte Mutter.
  2. Bedrohungsempfindlichkeit, Frustrationstoleranz: Wie bedrohlich erlebe ich die Welt, wie sehr fürchte ich Misserfolge, wie sehr suche ich Sicherheit? Mangel an Serotonin-1A-R, endogenen Opioiden, erhöhter Spiegel an Serotonin-2A-R, Hypercortisolismus. Ebenfalls starke Gen-Umwelt-Interaktion.
  3. Bindung und Sozialität: Wie wichtig ist mir das Zusammensein mit anderen, die Anerkennung durch sie; wie sehr ziehe ich mich von den anderen zurück, empfinde sie als Bedrohung? Oxytocin, endogene Opioide, Serotonin-1A-R und deren Mangel.
  4. Impulsivität und Impulskontrolle: Wie sehr werde ich von unmittelbaren Motiven getrieben? Dopamin, Serotonin-2A-R, Noradrenalin. Impulsbeherrschung, Selbstkontrolle: Glutamat, GABA. Toleranz für Belohnungsaufschub.
  5. Belohnungsempfänglichkeit und Belohnungserwartung: Wie stark suche ich die Belohnung, den Erfolg, das Risiko, den Kick? Erhöhte Ausschüttung von Dopamin, endogenen Opioiden.
  6. Realitätsbewusstsein und Risikowahrnehmung: Wie genau kann ich Situationen und Risiken einschätzen, wie sehr vermag ich aus (insbesondere negativen) Konsequenzen meiner Handlungen zu lernen? Acetylcholin, Glutamat, GABA.

3. Wie entstehen psychische Erkrankungen?

Psychische Erkrankungen beruhen auf strukturellen und funktionalen Störungen corticaler und subcorticaler limbischer Hirnzentren und ihrer Interaktion mit cortical-exekutiven Zentren (bes. präfrontaler Cortex). Sie werden verursacht durch eine Kombination genetisch-epigenetischer Vorbelastung (u. a. des Stressverarbeitungs- und serotonergen Systems), vorgeburtlicher Stresserfahrungen der Mutter, frühkindlicher Traumatisierung und negativer Erfahrungen in späterer Kindheit und Jugend und einer daraus resultierenden Schwächung der Stress-Achse.

4. Der Verlauf einer erfolgreichen Psychotherapie aus neurobiologischer Sicht

Zahlreiche Untersuchungen zur Effektivität von Psychotherapien (z. B. Wampold, 1997; Imel und Wampold, 2008) ergaben, dass die gängigen Psychotherapien mehr oder weniger dieselbe Effektivität zeigen; 30–70 % der Wirkung scheinen auf einen gemeinsamen Faktor zurückzugehen. Dieser scheint im Bindungs- und Vertrauensverhältnis zwischen Therapeut und Patient, dem Glauben des Therapeuten an seine Methode (welcher Art auch immer) und dem Glauben des Patienten, dass ihm geholfen werden wird (»therapeutische Allianz«), zu bestehen. Allerdings scheint dieser »Common factor« nur für die erste Therapiephase zu gelten.

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Literatur:

Roth, G., & Strüber, N. (2014). Wie das Gehirn die Seele macht. Stuttgart: Klett Cotta.