„Formate ehrenamtlichen Engagements in den Frühen Hilfen“

Impulsvortrag von Prof. Dr. Luise Behringer, Kath. Stiftungsfachhochschule München

In der Praxis Früher Hilfen gibt es verschiedenartige Formate für Freiwilliges Engagement: von Familienpaten-Projekten als Haupteinsatzbereich für Ehrenamtliche in den Frühen Hilfen über Empowerment-Programme hin zu Familienselbsthilfen wie Eltern-Kind-Gruppen oder Familienzentren. Prof. Dr. Luise Behringer stellte unterschiedliche Praxisbeispiele und deren Besonderheiten vor. Als Hintergrund des Vortrags diente das Impulspapier „Frühe Hilfen aus zivilgesellschaftlicher Perspektive“ (2015), das sie gemeinsam mit Prof. Dr. Heiner Keupp im Auftrag des NZFH verfasst hat.

Ausgangspunkt bei der Erstellung des Impulspapiers war ein übergreifender Blick auf die Merkmale und Besonderheiten Bürgerschaftlichen Engagements. Als Grundlage diente eine Definition, die das „Forum BE“ in München erarbeitet hatte (2000). Demnach ist Bürgerschaftliches Engagement der „selbstbestimmte und zielgerichtete Einsatz für nachhaltige Verbesserungen sowohl im persönlichen Lebensumfeld als auch im Gemeinwesen. Es reagiert auf individuelle und gesellschaftliche Herausforderungen und versteht sich als Ergänzung zu staatlichem Handeln.“

Bürgerschaftliches Engagement umfasst Freiwilligenarbeit, Ehrenämter, Selbsthilfe, Bürger¬initiativen sowie selbstorganisierte Projekte und lebt von den Fähigkeiten, Kompetenzen und Interessen der Engagierten. Es basiert auf demokratischen Grundregeln und ist angewiesen auf öffentliche Anerkennung, auf rechtliche, strukturelle und finanzielle Förderung sowie entsprechende Rahmenbedingungen. Durch die Verbindung von Eigeninitiative und sozialer Verantwortung eröffnet bürgerschaftliches Engagement kreative und gemeinschaftliche Lösungen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. 

Freiwilligenarbeit unterscheidet sich von professioneller Arbeit hinsichtlich der Bezahlung, der erforderlichen Kompetenzen, der Motive, der Einsatzbereiche und der Verantwortung. Während Professionelle in der Regel nach einem Tarif bezahlt werden, spezifische fachliche Qualifizierungen benötigen sowie klar definierten Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten folgen, sind Freiwillige unentgeltlich tätig (bzw. sie erhalten lediglich eine Aufwandsentschädigung). Sie setzen dabei ihre individuellen Kompetenzen und Lebenserfahrungen ein und suchen in ihrem Engagement nach Sinn, Freude und Anerkennung. Letzteres trifft meist auch auf Professionelle zu. Bei ihnen kommt jedoch hinzu, dass sie von der Tätigkeit ihren Lebensunterhalt bestreiten (müssen). Professionell Tätige übernehmen außerdem oftmals Kontrollaufgaben, was Freiwillige nicht tun bzw. nicht dürfen. In der Praxis der Frühen Hilfen besteht eine besondere Herausforderung darin, die Trennschärfe zwischen Freiwilligenarbeit und professioneller Tätigkeit zu wahren.


Freiwilliges Engagement in den Frühen Hilfen: Drei unterschiedliche Typen und Praxisbeispiele

Bezogen auf zivilgesellschaftliches Engagement in den Frühen Hilfen lassen sich drei Typen von Projektangeboten und Programmen unterscheiden:

  1. Präventionsprojekte werden von Hauptamtlichen geplant und durchgeführt und sind meist als Patenschafts- oder Tandemmodelle angelegt. Die Gewinnung und Schulung ehrenamtlicher Helfer und Helferinnen erfolgt ebenso durch Professionelle wie der Einsatz und die Begleitung der Ehrenamtlichen. Die Unterstützung durch Freiwillige zielt auf eine niederschwellige alltagspraktische Begleitung und Entlastung von Familien sowie eine Erweiterung ihres sozialen Beziehungsnetzes (Beispiel: Familienpaten).

  2. Empowermentprojekte und -programme werden durch Professionelle angeregt, begleitet und partizipativ ausgerichtet. Sie sind in der Lebenswelt der Familien verankert und dienen der Schaffung von sozialen Netzwerken. Zentrales Ziel ist es, Eltern und Familien zur Selbstorganisation und zu Selbsthilfeaktivitäten anzuregen sowie ihre Elternkompetenz zu stärken (Beispiele: Elterntalk, Stadtteilmütter und Familienrat).

  3. Familienselbsthilfen, d.h. von Eltern initiierte, nichttraditionelle Begegnungs- und Arbeitsformen, die entweder als Ergänzung zu gewachsenen sozialen Beziehungen oder als Reaktion auf defizitäre Versorgungsstrukturen entstanden sind. Es handelt sich dabei um komplexe sozialraumbezogene Angebote, in denen freiwilliges und professionelles Engagement abgestimmt und gleichberechtigt erbracht wird. Sie verfolgen das Ziel, selbstaktive Handlungsfelder zu schaffen, um Gemeinschaft herzustellen, die eigene Lebenssituation zu gestalten und strukturelle Veränderungen zu Gunsten von Familien herbeizuführen. Bei Familienselbsthilfeprojekten kommt es zu einer Vernetzung von Systemen, die ansonsten getrennt voneinander agieren. Es entstehen neuer Gemeinschaftsformen, in denen Hilfe unbürokratisch abgerufen werden kann (Beispiele: Eltern-Kind-Gruppen Mütterzentren / Familienzentren /  Mehrgenerationenhäuser, Selbsthilfegruppen).

Zwischen den exemplarisch genannten Projekten zeigen sich teilweise große Unterschiede. Heterogen gestalten sich etwa die verschiedenen Familienpaten-Projekte, die den Haupteinsatzbereich für Ehrenamtliche in den Frühen Hilfen bilden. So erfolgt der Zugang zu den Familien in zahlreichen Patenprogrammen über professionelle Dienste, während in anderen Programmen – abhängig von den familiären Gegebenheiten – Ehrenamtliche unmittelbar mit Familien in Kontakt treten. Auch hinsichtlich ihrer Begleitangebote sowie ihrer Schulungs- und Fortbildungskonzeptionen für den Einsatz von Ehrenamtlichen differieren die Programme. Außerdem gibt es unterschiedliche Formen und zeitliche Ressourcen für die Koordination und Begleitung der Patinnen und Paten durch eine professionelle Fachkraft. Projektübergreifend spielt die Koordination des Einsatzes von Freiwilligen eine Schlüsselrolle.

 

Freiwilliges Engagement in der Unterstützung vulnerabler Gruppen

Bei der Unterstützung vulnerabler Gruppen wie zum Beispiel psychisch kranke Eltern sollte sich die Aufgabe der Freiwilligen auf niederschwellige Hilfestellung und Begleitung im Alltag beschränken. Hier bedarf es einer engmaschigen Begleitung der Freiwilligen durch die Koordinatorin, um Fragen und Sorgen rechtzeitig besprechen zu können. Dabei spielt auch eine Rolle, dass Ehrenamtliche eine psychische Erkrankung in Familien deutlich drastischer wahrnehmen als Professionelle (Liebhardt u.a. 2013). Die Unterstützung von vulnerablen Gruppen durch Freiwillige darf niemals das einzige Hilfsangebot in der Familie sein, sondern stets nur eine Ergänzung zu professioneller Hilfe darstellen.

 

Anregungen für die Einbindung von Freiwilligen in den Frühen Hilfen 

  • Die Einbindung Freiwilliger ist eine strategische Entscheidung, die gemeinsam getroffen und getragen werden muss.

  • Dafür bedarf es einer Freiwilligen- und Anerkennungskultur. Empowerment, Ressourcenblick und Geduld spielen dabei eine zentrale Bedeutung. Zwischen Professionellen und Freiwilligen ist eine Begegnung auf Augenhöhe bei gleichzeitiger Wahrung von professionellen Aufgaben wichtig.

  • Sinnvoll ist eine vielfältige Projektlandschaft, die sich auch auf die Altersgruppe 0-3 Jahre bezieht.
    Netzwerke Frühe Hilfen, Freiwilligenzentren und Einrichtungen zur Selbsthilfeunterstützung arbeiten eng zusammen und entwickeln beispielsweise gemeinsame Weiterbildungsangebote.

  • Gewachsene Treffpunkte von Familien sind wichtige Partner.