Rede der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Manuela Schwesig anlässlich der Halbzeitkonferenz der Bundesinitiative Frühe Hilfen

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig eröffnet die Halbzeitkonferenz in BerlinBundesfamilienministerin Manuela Schwesig eröffnet die Halbzeitkonferenz in Berlin

Sehr geehrte Frau Parlamentarische Staatssekretärin Fischbach,  
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrte Frau Professorin Pott, 
sehr geehrte Frau Professorin Walper, 
sehr geehrte Frau Professorin Thyen 
sehr geehrte Damen und Herren, 

herzlich willkommen zur Halbzeitkonferenz Bundesinitiative Frühe Hilfen. Diese Konferenz ist keine Vorlesung, bei der man mitschreibt. Sie gibt Ihnen Gelegenheit, sich auszutauschen.

Ob Jugendamt Düsseldorf, Gesundheitsamt Bremen, Universitätsklinikum Dresden, Landeshebammenverband Sachsen-Anhalt oder Landesministerium – Sie gestalten den Tag heute mit. Sei es in den 6 Fachforen, sei es heute Nachmittag an den Thementischen.  

Wenn ich heute eine positive Bilanz ziehen kann, dann ist dies ganz besonders den Menschen zu verdanken, die die Familien besuchen. Den Familienhebammen und den Familien-Gesundheits-Kinderkrankenpflegerinnen. Einige sind heute hier. Sie gehen in die Familien, Sie arbeiten in Geburtskliniken, Sie geben Kurse. Ich weiß um die Mühen, die Ihre Arbeit mit sich bringt. Schwierigkeiten im grundständigen Beruf, Organisation der Selbständigkeit, finanzielle Fragen, Verwaltung. Gerade deshalb möchte ich Ihnen vorab für Ihr großes Engagement besonders danken. Ohne Sie wären die Frühen Hilfen heute nicht das, was sie sind.  

Kinder haben ein Recht auf ein gutes Aufwachsen. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie haben besondere Bedürfnisse nach Anregung, Unterstützung, Förderung und Schutz. Als Kinderministerin ist es mir wichtig, dass alle Kinder eine Chance bekommen, in unserer Gesellschaft gesund aufzuwachsen und teilzuhaben. Dafür setze ich alle Hebel in Bewegung. 

Das Recht eines Kindes ist etwas anderes als Fördermaßnahmen oder Kampagnen. Festgeschriebene Rechte stärken die Kinder und Jugendlichen in besonderer Weise. Starke Kinder mit starken Rechten können wirkungsvoller die Verantwortung von Staat und Gesellschaft einfordern.  

Ich werbe dafür, dass wir uns als Staat und Gesellschaft ausdrücklich zu Kinderrechten bekennen. Auch im Grundgesetz. Ich finde es nicht in Ordnung, dass in unserem wichtigsten Wertebuch die Kinderrechte fehlen. Kinderrechte im Grundgesetz verpflichten uns dazu, alles, was wir tun, am Recht des Kindes auf gutes Aufwachsen zu messen. In diesem Zusammenhang stehen für mich auch die Frühen Hilfen. 

Das Recht auf ein gutes Aufwachsen zu stärken, heißt, so früh wie möglich anzusetzen. Bei der Geburt. Mit der Schwangerschaftsberatung. 

Die Geburt eines Kindes ist ein Neubeginn, verbunden mit vielen Hoffnungen. Aber auch eine Situation, die Eltern an ihre Grenzen bringt.  

Alle Eltern, ob arm oder reich, mit viel oder wenig Bildung, können in dieser Situation Hilfe gebrauchen. Zum Beispiel die 36-jährige Akademikerin, die Zwillinge bekommt. Der Mann ist viel unterwegs, Großeltern sind nicht vor Ort. Da verschafft der wöchentliche Besuch durch eine ehrenamtliche Patin, organisiert z.B. von Wellcome oder der AWO, große Erleichterung.

Oder die 17-jährige junge Mutter. Noch kein Schulabschluss, kein eigenes Einkommen,  der Freund weiß nicht genau, was er will. Für diese Mutter kann eine Familienhebamme,  die regelmäßig die Familie besucht, auf Kind und Eltern achtet, vorsichtig Tipps zum Alltag gibt, eine große Hilfe sein. 

Frühe Hilfen unterstützen insbesondere Familien, die neben den üblichen Herausforderungen mit weiteren Belastungen wie Armut, Gewalterfahrung in der eigenen Kindheit, Wochenbett-Depression  oder einer psychischen Erkrankung konfrontiert sind. Es sind Hilfen, die an spezifischen Bedarfen ansetzen und nicht stigmatisieren. 

Jede Familie soll die Chance haben, sich über ein gesundes Aufwachsen ihrer Kinder freuen können. Die meisten von ihnen kennen Frühe Hilfen, weil Sie selbst beteiligt sind.  

Der Film „Guter Start in die Familie“, aus dem Sie im Anschluss eine Sequenz sehen werden,  zeigt das noch einmal sehr anschaulich. Durch die auf vier Jahre befristete Bundesinitiative Frühe Hilfen hat der Gesetzgeber mit 177 Millionen Euro die Möglichkeit geschaffen, die Frühen Hilfen bundesweit auszubauen, um sie danach dauerhaft durch einen Fonds abzusichern. Um einen reibungslosen Übergang zwischen Bundesinitiative und Fonds zu schaffen, planen wir bereits mit den Ländern schon jetzt Eckpunkte zur Ausgestaltung. 

Der Zwischenbericht liegt Ihnen vor. Am 5. November habe ich ihn im Kabinett vorgestellt. In den Fachforen und an den Thementischen sollen heute die Ergebnisse diskutiert werden. Er beruht auf den Zwischenergebnissen der Begleitforschung zur Bundesinitiative. Vielen Dank an alle, die sich an diesen Studien beteiligt und Daten geliefert haben. 

Aus den Ergebnissen wissen wir: Die erste Phase der Bundesinitiative Frühe Hilfen ist sehr positiv verlaufen. Es ist gelungen, tragfähige Strukturen auf allen föderalen Ebenen aufzubauen. Die überwiegende Mehrheit der Jugendamtsbezirke bewertet die Ausrichtung der Bundesinitiative positiv.  

76 Prozent der Jugendamtsbezirke sind der Meinung, dass es durch die Bundesinitiative bessere Möglichkeiten gibt, Familien in belastenden Lebenslagen zu unterstützen. 98 Prozent der Jugendamtsbezirke haben Netzwerkkoordinierungsstellen eingerichtet. In 84 Prozent der Jugendamtsbezirke wird Betreuung und Begleitung durch Familienhebammen und vergleichbare Gesundheitsfachberufe angeboten.

Genau das wünsche ich mir für die Frühen Hilfen: dauerhafte, tragfähige, flächendeckende Strukturen. 

Personen aus dem Gesundheitsbereich betreuen Mütter und Väter und schauen nicht nur auf das, was gerade wehtut. Sie organisieren Hilfe. Gibt es Auffälligkeiten, schalten sie andere Stellen ein. Eigentlich nichts Neues, eigentlich alles selbstverständlich. 

Wenn ich im Land unterwegs bin und Fachleute treffe, die sich für ein gesundes Aufwachsen von Kindern einsetzen, frage ich immer: Was muss die Politik tun? Was kann ich als Familienministerin tun? Die Antworten lauten dann meist so: Früh etwas tun. So früh wie möglich. Und die guten Angebote, die es gibt, miteinander verbinden. Nutzt die Kitas mehr für Angebote der Frühen Hilfen. Oder schickt Kinderkrankenschwester und Kinderarzt in die Schulen.  

Mir wird auch gesagt: Bitte mehr Mütterberatung, mehr Elternschule. Eine Kinderkrankenschwester – heute heißen sie korrekt: Gesundheits-Kinderkrankenpflegerin – erzählte mir neulich: Ich treffe Mütter, die ein Fieberthermometer in der Hand haben und nicht wissen, wie sie beim Kind Fieber messen sollen. Diese Mütter brauchen Informationen und Anleitung. Es fehlt nicht am guten Willen.  

Es fehlt auch nicht an Angeboten. Wir haben viele Angebote aus verschiedenen Bereichen. Auf das Miteinander kommt es an. Auch auf diesem Gebiet hat die Bundesinitiative Frühe Hilfen gute Erfolge erzielt. Es ist vielerorts schon gelungen, wichtige Netzwerkpartnerinnen und -partner zu gewinnen. 

Dazu gehören insbesondere das Gesundheitsamt, Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen, der Allgemeine Sozialdienst und Schwangerschaftsberatungsstellen. Auch Familienhebammen und die Fachkräfte vergleichbarer Gesundheitsfachberufe konnten gut in die lokalen Netzwerke integriert werden. 

Allerdings müssen wir weiter daran arbeiten, dass Berufsgruppen, die selbständig arbeiten,  noch besser erreicht und eingebunden werden. Dies gilt vor allem für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte der Pädiatrie, Gynäkologie und Allgemeinmedizin zu. Wir brauchen die Ärztinnen und Ärzte.  

Eindrücklich ist mir der Appell eines Kinderarztes im Gedächtnis. Wenn er ein jüngeres Kind in seiner Praxis sieht, das kaum spricht und in schwierigen Verhältnissen lebt, verschreibt er oft Logopädie. Mit einem schlechten Bauchgefühl. Denn er ahnt, dass eher etwas anderes nötig ist: Hilfe und Unterstützung für die Familie. Aber er schafft es nicht, diese Hilfe zu organisieren. Und im Alltag ist nicht die Zeit, um hinterher zu telefonieren.  

Auch bei den Fachleuten, die Eltern bei psychischen und psychiatrischen Erkrankungen behandeln,  gibt es noch eine Lücke. Stellen Sie sich vor: Eine Frau begibt sich in psychiatrische Behandlung. Fragt der Arzt im Aufnahmegespräch danach, ob sie Kinder hat und wie die Kinder versorgt sind?  

Das wäre wichtig; denn psychische Probleme der Eltern stellen ein großes Risiko für die Kinder dar. Gerade Familien, die von psychischen Krankheiten betroffen sind, brauchen gut aufeinander abgestimmte und flexible Angebote. 

Neben der Größe und Dichte von Netzwerken will ich noch ein paar andere Punkte ansprechen, an denen die Begleitforschung der Bundesinitiative Frühe Hilfe Erfolge und Verdienste zuspricht, aber auch Verbesserungsmöglichkeiten sieht. 

Wir wissen, dass zum 30. Juni 2013 in Deutschland 1.831 Familienhebammen und Familien-Gesundheits-Kinderkrankenpflegerinnen in 507 Jugendamtsbezirken tätig waren. Durch die Bundesinitiative ist deren Einbindung in die Netzwerke Frühe Hilfen gelungen. Allerdings ist die Zahl zu gering, um den Bedarf der Familien zu decken. Es könnte noch viel mehr davon geben! 

Außerdem wurden im Rahmen der Bundesinitiative Projekte mit Ehrenamtlichen und hier besonders Familienpatenschaften ausgebaut  - eine wichtige Säule bei der alltagsnahen Unterstützung von Familien. Die Ehrenamtlichen dürfen aber nicht überfordert werden. Gerade wenn es darum geht, bei Anhaltspunkten zur Kindeswohlgefährdung angemessen zu handeln, brauchen Ehrenamtliche eine gute professionelle Begleitung. 

Und ein letzter Punkt: Wir wissen aus der Begleitforschung, dass die Frühen Hilfen immer noch sehr heterogen sind. Sie reichen von Unterstützungsangeboten für alle Familien über spezifische Hilfen für Familien mit erkennbaren Belastungen bis hin zu Maßnahmen für Familien, deren Erziehungsfähigkeit eingeschränkt ist. Eine Profilschärfung halte ich für dringend erforderlich. Damit auch wirklich die Familien von den Frühen Hilfen profitieren, die sie benötigen.  

Sehr geehrte Damen und Herren,
auf einer guten ersten Halbzeit darf man sich nicht ausruhen. Die Punkte, die ich angesprochen habe, machen deutlich, dass noch viel zu tun ist. Aber das Fazit, das ich heute ziehen kann, ist überaus erfreulich.
Ich würde sehr gern hören, was Ihre Eindrücke sind, was Ihr Zwischenfazit ist. Sie werden gleich in den Foren diskutieren. Heute Nachmittag werden Sie sich an 16 Tischen austauschen. Sie haben reichlich Gelegenheit, Ihre Erfahrungen weiterzugeben. Bitte tun Sie das. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden mir darüber berichten. 

Heute Nachmittag wird die Bundesstiftung Mutter und Kind 30. Ich finde, das passt gut. Die finanziellen Hilfen der Bundesstiftung Mutter und Kind, die in den Schwangerschaftsberatungsstellen beantragt werden, sind gute Türöffner für Angebote der Frühen Hilfen.  

Was kann es für eine Schwangere eine Erleichterung sein, wenn sie bei der Antragstellung erfährt,  dass sie nach der Geburt nicht allein dasteht! Dass es viele Angebote zur Unterstützung in ihrer Stadt oder ihrer Gemeinde gibt. Die Schwangerschaftsberatungsstelle aber muss, um diese Unterstützung anbieten zu können, wissen, welche Angebote das sind. Und damit wäre ich wieder bei Netzwerken Früher Hilfen.   

Bevor ich das Mikrofon gleich an Frau Fischbach weitergebe, möchte ich noch zweimal Danke sagen. Sehr geehrte Frau Professorin Pott, jeder und jede hier im Saal kennt Sie. Zum Ende des Jahres beenden Sie Ihren Dienst in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nach 29 Jahren. Das sind - umgerechnet in politische Einheiten – 7,25 Legislaturperioden. Das hat noch keine Ministerin und kein Minister geschafft. Sie haben sich fast drei Jahrzehnte lang mit Kompetenz und Beharrlichkeit für Aufklärung und Gesundheit eingesetzt. Im Namen des Bundesfamilienministeriums danke ich Ihnen für alle Unterstützung in diesen Jahren. Ich wünsche Ihnen alles Gute!  

Der zweite Dank geht an das Nationale Zentrum Frühe Hilfen. Unter der Leitung von Frau Mechthild Paul hat das Zentrum seit dem Start der Bundesinitiative im Jahr 2012 hervorragende Arbeit geleistet. Frau Paul und ihr Team von BZgA in Köln und DJI in München haben als Bundeskoordinierungsstelle unermüdlich dafür gesorgt, dass Informationen zwischen Praxis, Wissenschaft, Ländern, Kommunen und dem Bund fließen. Ich weiß, dass das Team heute fast vollzählig anwesend ist. Ihnen allen danke ich für Ihre Arbeit.  

Frühe Hilfen brauchen Qualität und Entwicklung. Das geht nur mit einem Partner, der sich für beides einsetzt. Das NZFH-Logo ist das TÜV-Siegel für Frühe Hilfen. Kein Auto fährt ohne TÜV. Ich setze auch in Zukunft auf das Nationale Zentrum Frühe Hilfen und wünsche Sie mir weiter an meiner Seite. 

Und nun bleibt mir nur noch, Ihnen allen eine gute Konferenz zu wünschen. Setzen Sie sich weiter ein für leistungsfähige Netzwerke! Für Hilfen, die früh ansetzen und früh wirken, damit gar nicht erst etwas schief läuft im Leben eines Kindes. Für das Recht aller Kinder auf ein gutes Aufwachsen. 
Viel Erfolg weiterhin!