Abschließende Thesen zum Gelingen von Netzwerkkoordination

Was wird benötigt, damit Netzwerkkoordination gut gelingen kann? Prof. Dr. Jörg Fischer fasste die Erkenntnisse aus den Beiträgen und Diskussionen in Fachforum 1 in Form von Thesen zusammen. 

Kommunen sind mitten im Gelingen

Die Diskussion in Fachforum 1 wie auch die Erfahrungen von Prof. Fischer in der Qualifikation von Koordinationsfachkräften und der Begleitung von Kommunen zeigen, dass die Kommunen mitten im Gelingen sind. Viele Kommunen haben im Umgang mit dem Netzwerk Frühe Hilfen sehr gute Erfahrungen gesammelt. Es geht folglich nicht darum, über erst Zukünftiges zu sprechen und das Rad neu zu erfinden. Vielmehr ist es das Ziel; Bestehendes zu erhalten, zu nutzen und an veränderte Bedarfe und neue Rahmenbedingungen anzupassen. (Mit der Halbzeitkonferenz bietet sich der Moment, innezuhalten und zu fragen: wo stehen wir und wie kann es weitergehen?) 

Steigendes Selbstbewusstsein

Im Gegensatz zu vielen anderen Themenbereichen in der Sozialen Arbeit, im Bildungs- und Gesundheitswesen sind die Frühen Hilfen durch eine ungeheure Dynamik gekennzeichnet. Diese überträgt sich auch auf die Fachkräfte der lokalen Koordinationen und deren eigene Veränderungsprozesse. Die Fachkräfte zeichnen sich durch einen großen Zuwachs an Selbstbewusstsein aus, der einzigartig ist. So erklärte eine Koordinatorin in Fachforum 1: „Ich vermisse die sonst üblichen Probleme im Zusammenhang mit den Frühen Hilfen“. Daran zeigt sich, dass eine Verschiebung von der bisherigen Problemorientierung zugunsten einer Konzentration auf die Stärken stattgefunden hat. Auch hat sich eine pragmatische Haltung entwickelt, die der Überzeugung folgt: Wir wuppen das! Es wird nicht gefragt, was Bund oder Länder noch tun können oder sollen, sondern betont: Wir machen es. 

Herausforderungen annehmen

Zu Beginn der Bundesinitiative konzentrierten sich die Koordinierenden beim Auf- und Ausbau der Netzwerke insbesondere auf eine Steigerung quantitativer Merkmale im Sinne von Umfängen und Zugängen: Wie viele Netzwerkpartnerinnen und -partner konnten eingebunden, wie viele und welche Zugänge geschaffen werden? Unterdessen hat sich der Blickwinkel deutlich auf die Förderung von Nachhaltigkeit und Wirksamkeit verschoben. Wie können vielversprechende Ansätze nachhaltig in der Praxis verankert werden? – genau hierin besteht nunmehr die zentrale Herausforderung für die Koordinationsfachkräfte. 

Eine Blaupause für die Umsetzung der Netzwerke Frühe Hilfen gibt es jedoch nicht. Angesichts der Vielfalt in den Kommunen wäre eine Vereinheitlichung der Umsetzungsstrategien auch keineswegs zielführend. Vielmehr sollte es darum gehen, diese Vielfalt anzuerkennen, zu respektieren und die Kommunen auf ihren sehr unterschiedlichen Wegen und Ebenen zu unterstützen.  

Hinter jedem Netzwerk stehen Akteure und dahinter wiederum einzelne, engagierte Menschen. Von diesen war anfangs nur wenig die Rede. Ein Dilemma bestand darin, dass den Netzwerken Frühe Hilfen eine hohe Relevanz zugesprochen wurde, aber die tatsächliche Bereitschaft der einzelnen, sich in diese einzubringen, für viele Koordinationsfachkräfte eine große Herausforderung darstellte. 

Zuwachs an Gelassenheit

Koordinationsfachkräfte zeigen heute eine wesentlich größere Gelassenheit als noch zu Beginn der Bundesinitiative. Diese kommt zum einen im eigenen Selbstverständnis als Netzwerkkoordinierende/r zum Ausdruck, zum anderen im Umgang mit spezifischen Anforderungen, wie u.a. der Orientierung am Kompetenzprofil Netzwerkkoordination und der Anpassung von Strategien an die örtlichen Gegebenheiten. Den Koordinationsfachkräften ist es gelungen, das anfangs bestehende Einzelkämpfertum zu überwinden: durch Teambildung, Austausch mit den Koordinierenden im eigenen Bundesland und enge Anbindung an die Landeskoordinationen.  

Koordinierende fragen sich sehr bewusst: Wie kann ich mit all den unterschiedlichen Anforderungen, die auf mich einströmen, professionell und reflexiv umgehen? Was gelingt mir, was gelingt mir nicht? Der Mut ist gewachsen, Lücken zu erkennen, diese konstruktiv zu nutzen oder Aspekte auch einmal wegzulassen, wenn sie nicht in die spezifischen Rahmenbedingungen der eigenen Kommune passen. Ebenso ist der Mut gewachsen, Fehler zu erkennen. Die Frühen Hilfen bieten die Chance, den Mangel in der Fehlerkultur, wie er in der Sozialen Arbeit, insbesondere im Kinderschutz, noch besteht, aufzubrechen.  

Was Eltern wirklich brauchen

Die wichtigste Botschaft, die sich im Verlaufe der ersten Halbzeit der Bundesinitiative und ebenso während des Fachforums 1 vermittelt hat, ist, dass die meisten Koordinationsfachkräfte zu Überzeugungstätern geworden sind. Ihr Blick auf die Eltern hat sich grundlegend gewandelt: Der Zugang zu ihnen erfolgt nicht mehr über das Problem und die ggfs. dahinter stehende Schuldfrage. Vielmehr werden Frühe Hilfen genutzt, um Eltern endlich einmal zuzuhören und zu erfahren, was sie wirklich brauchen. Denn: So gut begründet die Sicht der Fachkräfte häufig auch ist, sie trifft nicht immer den individuellen Bedarf der jeweiligen Eltern.