Workshop 3 - Interdisziplinäre Fallreflexionen/Fallverstehen: Erfahrungen und Ergebnisse eines Kooperationsprojektes aus Medizin und Jugendhilfe

Dr. Andreas Scheffzek, Kinder- und Jugendarzt/Neuropädiater und Iris Söhngen, Koordinierungsstelle Frühe Hilfen, Kinderschutz des Jugendamtes Heidelberg

Die Kooperation zwischen Gesundheitshilfe und Kinder- und Jugendhilfe stellt eine besondere Herausforderung dar. Unterschiedliche Definitionen oder institutionelle und professionelle Normen sind nur einige der Hürden, die es zu nehmen gilt. Dr. Andreas Scheffzek, Kinder- und Jugendarzt/Neuropädiater, und Iris Söhngen, Koordinierungsstelle Frühe Hilfen, Kinderschutz des Jugendamtes Heidelberg berichteten in dem Workshop über ihre Erfahrungen und Ergebnisse im Rahmen eines vom NZFH geförderten Projektes mit der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg.

  • Elisabeth Helming, DJI (Moderation), Dr. Andreas Scheffzek, Kinder- und Jugendarzt, Iris Söhngen, Koordinierungsstelle Frühe Hilfen (v.l.)

    Workshop 3

    Elisabeth Helming, DJI (Moderation), Dr. Andreas Scheffzek, Kinder- und Jugendarzt, Iris Söhngen, Koordinierungsstelle Frühe Hilfen (v.l.)

  • Dr. Andreas Scheffzek, Kinder- und Jugendarzt, Iris Söhngen, Koordinierungsstelle Frühe Hilfen (v.l.)

    Workshop 3

    Dr. Andreas Scheffzek, Kinder- und Jugendarzt, Iris Söhngen, Koordinierungsstelle Frühe Hilfen (v.l.)

Aus der Tierwelt
Oder: Wenn das die Lösung ist, will ich mein Problem zurück!!!

Eines Tages schlägt das Huhn dem Schwein eine enge Zusammenarbeit vor. Das Huhn spricht also von Kooperation und es schwärmt von den Chancen, die darin stecken. Das Schwein hört sich schweigend an, was das Huhn zu sagen hat und fragt dann, mit welchen Angeboten man gemeinsam auf den Markt gehen wolle?
Da antwortet das Huhn: „Mit Ham and Eggs! Du lieferst den Schinken und ich die Eier.“
„Aber dann müsste ich ja tot sein!“, meint das Schwein.
„Tja“, sagt das Huhn „so ist das nun mal bei einer Kooperation.“

Mit dieser kleinen Geschichte begannen Iris Söhngen und Dr. Andreas Scheffzek ihre Vorstellung eines Kooperationsprojekts zwischen Gesundheits- und Kinder- und Jugendhilfe zur interdisziplinären Fallreflexion im Kinderschutz.

Herausforderungen einer konstruktiven interdisziplinären Kooperation

Insbesondere an der Schnittstelle zwischen Gesundheitshilfe und Kinder- und Jugendhilfe bedarf es besonderer Anstrengungen, um die Kooperation konstruktiv zu gestalten im Interesse der Kinder, Jugendlichen, ihrer Mütter und Väter. Aufgrund von differierenden Perspektiven, Parteilichkeiten und Identifikationen mit unterschiedlichen institutionellen und professionellen Normen werden in den Diskursen um interdisziplinäre Kooperation zwischen diesen beiden Bereichen etliche Herausforderungen thematisiert. Dabei geht es um unterschiedliche Definitionen von Problemen und ihren Lösungen, fehlende Einigung auf gemeinsame Ziele, Vorurteile gegenüber der anderen Profession und überzogene Erwartungen an das jeweils andere Arbeitsfeld. Es ist nicht immer einfach, die Grenzen zwischen den Systemen sinnvoll – wo nötig – zu überwinden.

Das vom NZFH geförderte Projekt mit der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW)

Hier setzte das im September 2010 begonnene Projekt der KVBW an, das vom NZFH gefördert wurde (www.kvbawue.de/qualitaet/qualitaetssicherung/fruehe-hilfen/). Es hat zum Ziel, die Kooperation, Kommunikation und Zugangswege zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendamtes und Ärztinnen und Ärzten zu verbessern, indem Fälle interdisziplinär besprochen werden. So soll die Gesamtversorgung von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern verbessert werden. Im Projekt wurde dafür die vorhandene Struktur der ärztlichen Qualitätszirkel genutzt. Es wurden Moderatoren und Moderatorinnen geschult, um in den Qualitätszirkeln interdisziplinäre Fallbesprechungen durchzuführen. Moderations-Tandems mit jeweils einer Mitarbeiterin/einem Mitarbeiter aus dem Jugendamt und einer Ärztin/einem Arzt wurden in strukturierten Methoden von anonymisierten Fallbesprechungen (siehe Folien) geschult und werden weiterhin supervidiert. Das Projekt wurde wissenschaftlich begleitet; der Abschlussbericht steht auf der Homepage des NZFH online zur Verfügung.

Erfahrungen aus einem interdisziplinären Qualitätszirkel

Im Workshop berichteten Iris Söhngen und Dr. Andreas Scheffzek, eines dieser geschulten Tandems, von ihren höchst positiven Erfahrungen aus einem solchen Qualitätszirkel in Heidelberg (siehe Folien). Die Moderationsausbildung schildern sie als unbedingt notwendig, um zu lernen, wirklich unterschiedliche Perspektiven zu akzeptieren und fruchtbar zu machen. Sie sprachen davon, dass zu Beginn etliche Aha-Effekte über Zuständigkeiten und Arbeitsabläufe der unterschiedlichen Bereiche bei den Teilnehmenden zu konstatieren waren. Die gemeinsame Fallreflexion viermal im Jahr erleichtere den beruflichen Alltag und die Versorgung von Familien, indem man genauer einschätzen könne, wer was an Unterstützung anbietet. Auch die Kompetenz in der Fallarbeit sei gewachsen, u.a. durch das Bewusstsein, wie komplex Problemlagen letztlich sein können. Unter anderem berichteten sie, wie nach anfänglicher persönlicher Ansprache von möglichen Teilnehmenden am Qualitätszirkel das Interesse nun so groß geworden sei, dass man neu Anfragende vertrösten müsse.

Heidelberger Servicemappe Frühe Hilfen und Kinderschutz

Im Rahmen der Kooperation wurde zudem eine „Heidelberger Servicemappe Frühe Hilfen und Kinderschutz“ erarbeitet, die dem Personal im Klinik- und Praxisalltag einen professionellen Umgang mit dem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung erleichtern soll. Die Servicemappe bündelt wesentliche Informationen und Ansprechpersonen zu diesen Themen. Darüber hinaus enthält die Mappe Checklisten zur Prävention und Datenweitergabe, die auch als Dokumentationsbogen für die Akten genutzt werden können.

Großes Interesse an einer Implementierung solcher Vorhaben auch in anderen Bundesländern

Schon im Vorfeld zeigten die Anmeldungen zu diesem Workshop das große Interesse am Thema „Interdisziplinäre Fallreflexion“. Es wurden viele Nachfragen gestellt, unter anderem zum Datenschutz, aber auch dazu, wie man denn in anderen Bundesländern ein solches Projekt initiieren könne.