"… und was sagen die Familien dazu?"

In einem Podiumsgespräch berichteten drei Mütter über ihre Erfahrungen in Geburtskliniken und die Kontaktaufnahme zum lokalen Netzwerk Frühe Hilfen. Anwesend waren zudem zwei betreuende Fachkräfte.

Christiane Poertgen (rechts) moderierte den Austausch mit Eltern und Fachkräften.Christiane Poertgen (rechts) moderierte den Austausch mit Eltern und Fachkräften.

In dem Gespräch mit Müttern und deren Begleiterinnen aus dem Netzwerk Frühe Hilfen wurde eines besonders deutlich: Die Annahme der Angebote Früher Hilfen steht und fällt mit der sensiblen, wertschätzenden und vertrauensvollen Kontaktaufnahme und weiteren Betreuung durch das Netzwerk. Angebote wie beispielsweise der Besuch einer Vertreterin des Jugend- oder Gesundheitsamts nach Verlassen der Geburtsklinik können dann als Kontrolle wahrgenommen werden und auf Ablehnung stoßen, wenn der Übergang von dem einen in das andere System nicht optimal gelingt. 

Wenn ich Sorgen habe, kann ich mich jederzeit melden

Frau S., Mutter von 4-jährigen Zwillingen
Christina Hartmann, Kinderkrankenschwester und Leiterin der Nachsorgeabteilung des Vereins Traglinge e.V.

Die Zwillinge, die Frau S. im Krankenhaus zur Welt brachte, wurden als Frühchen geboren. Da ihr Partner sie verlassen hatte, stand sie nach der Geburt ohne Unterstützung da. „24 Stunden alleine mit zwei Kindern zu verbringen, war schon eine große Herausforderung“, berichtet sie.

In der Klinik wurde sie über die Netzwerke Frühe Hilfen informiert. Hier bekam sie das erste Mal Kontakt zu Christina Hartmann, die dort als Krankenschwester arbeitete und parallel im Verein Traglinge e.V. aktiv war, einem Zusammenschluss von betroffenen Eltern, Krankenschwestern und Ärztinnen und Ärzten, die sich für die Familien Frühgeborener und chronisch erkrankter Kinder einsetzen. Christina Hartmann begleitete Frau S. auch nach Verlassen der Klinik. Später übernahm eine Kollegin des Vereins. Sie war immer erreichbar, begleitete sie bei Arztbesuchen oder half, eine Kinderärztin/einen Kinderarzt zu finden, der auch zu Haus-besuchen bereit war.

Bereits in der Klinik fühlte sich Frau S. gut angeleitet und unterstützt. „Es ist einfach auch eine Frage von Sympathie und Emphatie“, erzählt sie. Christina Hartmann fasst zusammen, worauf es bei den Gesprächen mit Müttern ankommt: Sich zurücknehmen, zuhören und das Gesagte wirken lassen. Es geht darum, herauszufinden, welche Ressourcen vorhanden sind, an ihnen anzuknüpfen und nicht sofort zu dirigieren oder zu korrigieren.

Ein Jahr nach der Geburt der Zwillinge wurde bei Frau S. Krebs diagnostiziert. Ihre Familie gab ihr Rückhalt und Unterstützung. Gleichzeitig wusste sie: wenn ich Sorgen habe, kann ich mich jederzeit beim Netzwerk melden. Wie Christina Hartmann betont, ist es wichtig, zunächst zu schauen, ob die Familien ihren Weg alleine finden. Es geht nicht darum, Hilfen „aufzudrücken“. In vielen Fällen kann abgewartet werden, bis die Familien wieder auf das Netzwerk zukommen.

Der Übergang zwischen den unterschiedlichen Systemen im Netzwerk Frühe Hilfen ging nicht ganz ohne Stolpersteine vonstatten. Aufgrund einer Kommunikationsstörung hatte sich das Gesundheitsamt bei Frau S. zu einem Hausbesuch angekündigt, bevor Christina Hartmann sie darüber informieren konnte. „Der Gesundheitsdienst sollte gut mit den Lotsen abgestimmt sein“, betont die Kinderkrankenschwester. Denn Hausbesuche des Netzwerks können von Familien als Störung empfunden werden. Manche verbinden mit ihnen das Gefühl, jemand schleiche sich drei Jahre lang in ihr Leben, wie Frau S. aus ihrem Umfeld berichtete.

In den Havelland-Kliniken hat Christina Hartmann mit Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen zu tun; viele Mütter leben am Existenzminimum. Immer wieder erlebt sie, dass sich Mütter nach der Geburt von der Wirklichkeit des Lebens mit einem Kind überfordert fühlen. Wenn ihnen das Jugendamt dann das Gefühl vermittelt, als Mutter nicht gut genug zu sein, verlieren sie jegliches Vertrauen in sich selbst und die eigenen Ressourcen. 

„Es wird immer Positives und Negatives geben“, resümiert Christina Hartmann. „Wichtig ist, Familien das Gefühl zu geben, gehört zu werden und nicht den Eindruck zu hinterlassen, sie würden in eine Schublade gesteckt.

Die Tür geht per Telefon auf

Frau J., Mutter zweier Kinder, 6 Monate und 3 Jahre alt
Nurina Nazmy, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und Babylotsin an der Charité in Berlin

„Kann ich Ihnen helfen? – Wollen Sie mir etwas erzählen oder soll ich Ihnen etwas erzählen?“ Mit diesen Worten eröffnete Nurina Nazmy das Gespräch mit Frau J., die gerade ihr zweites Kind in der Charité Berlin zur Welt gebracht hatte. Die offene, wertschätzende Ansprache weckte unmittelbar das Vertrauen der jungen Mutter. Sie konnte sich mit Fragen und Sorgen an die Babylotsin wenden, für die Krankenschwestern keine Zeit bleibt. Auch das Angebot, zu Hause kurzfristig von einer Hebamme unterstützt zu werden, nahm sie gerne an. Das Erstgeborene war noch keine drei Jahre alt und ihr Mann hatte wenig Zeit. „Übergangshilfen sind besonders wichtig“, erklärt Nurina Nazmy.

Nurina Nazmy hat schon erlebt, dass am Campus Virchow Klinikum der Charité in einer Nacht 11 Kinder geboren wurden, und dort ist sie die einzige Babylotsin. Eine weitere ist am Campus Mitte tätig. Von der Hebamme ausgefüllte Anamnesebögen geben ihr Aufschluss über die psychosoziale Situation der Mütter. Auf dieser Basis entscheidet sie, welche Mutter sie anspricht und welche nicht. Meistens sind die Mütter bei den Gesprächen alleine und werden nicht von ihren Partnern begleitet. Bei Beratungen von Familien mit Migrationshintergrund hingegen sind die Väter häufig anwesend, da sie in vielen Fällen über bessere Deutschkenntnisse verfügen.

Die Babylotsin kümmerte sich nicht nur in der Klinik um Frau J., sondern stand ihr telefonisch auch nach der Entlassung unterstützend zur Seite. „Entweder ich wurde angerufen oder ich konnte selber anrufen, z. B. wenn ich medizinische Fragen hatte“, erzählt Frau J. Der Übergang von der Geburtsklinik in den Alltag gestaltete sich für sie auf diese Weise unproblematisch.

„Die Tür geht per Telefon auf“, bestätigt Nurina Nazmy. Wenn die Mütter wieder zu Hause sind, hält sie den Kontakt zu ihnen, erkundigt sich nach dem Wohlbefinden und signalisiert Hilfsbereitschaft. Sie verhandelt mit den Krankenkassen und leitet bei Bedarf weiter an Angebote im Netzwerk Frühe Hilfen. Sie drängt sich nicht auf und übt keinen Druck aus. Auch wenn Frau J. keine weitere Unterstützung durch das Netzwerk benötigt, ist sie froh über den telefonischen Kontakt zu der Babylotsin. Er vermittelt ihr das entlastende Gefühl: wenn ich Rat brauche, ist immer jemand da. 

Das krieg’ ich alleine nicht gesteuert

Frau S., Mutter zweier Töchter, 7 Monate und 3 Jahre alt

Als sie das erste Mal schwanger wurde, war Frau S. voller Angst und Misstrauen sich selbst gegenüber. Würde sie es schaffen, mit ihrer Rolle als Mutter klarzukommen? Sie befürchtete, auf Schreien und Weinen ihres Kindes mit Aggressionen zu reagieren. „Das krieg ich alleine nicht gesteuert“, sagte sie sich. Hinter ihr lagen Drogenabhängigkeit und Entzug, ihr Partner war 10 Jahre jünger als sie. Frau S. hatte Angst, alleine ins kalte Wasser springen zu müssen. Über den Flyer „Guter Start ins Kinderleben“ wurde sie auf die Angebote des Netzwerks Frühe Hilfen in Ludwigshafen aufmerksam. Zunächst war sie unsicher und fragte sich: „Habe ich wirklich das Recht, Hilfe zu holen?“.

Die Familienhebamme, die sie schließlich kontaktierte, half ihr dabei, sich das Muttersein zuzutrauen. Auch nach der Geburt stand sie ihr zur Seite. Später holte sich Frau S. bei weiteren Angeboten Unterstützung. Um zu lernen, wie sie mit ihrem Kind umgehen kann, wenn es trotz und „bockt“, kontaktierte sie eine Erziehungsberatungsstelle. Auch beim Kinderschutzbund meldete sie sich, akzeptierte, dass das Kind auf Blessuren untersucht wurde. „Ich habe mir selbst eine Struktur und ein Korsett geschaffen, da ich eher unorganisiert bin“, erklärt sie.

In allen Einrichtungen sprach Frau S. sehr freimütig über ihre Ängste und Probleme. „Erzähl nicht soviel“, warnte sie eine Freundin, „sonst nehmen sie Dir Dein Kind weg.“ Diese Befürchtung erlebte Frau S. jedoch als unbegründet. Nie hatte sie das Gefühl, kontrolliert oder bevormundet zu werden. Sie nahm den Kontakt zum Netzwerk nicht als mögliche Bedrohung ihres selbständigen Mutterdaseins wahr, sondern vielmehr als Hilfe, ihren eigenen Weg zu finden. Frau S. entwickelte Selbstbewusstsein und fand sich immer besser in ihre Rolle als Mutter ein. „Den Stempel in Discos habe ich gegen den Stempel in Indoor-Turnhallen eingetauscht“, erklärt sie. Ihr „altes Leben“ vermisst sie nicht. Nach zweieinhalb Jahren brachte Frau S. ein zweites Kind zur Welt.