Frühe Hilfen als Teil der Frühförderung

Dr. med. Sabine Höck (Arbeitsstelle Frühförderung, München) betonte, dass Arbeitsstellen für Frühförderung auch in anderen Bundesländern existieren und die Frühförderung eine lange Tradition habe. Ein Problem sei, dass Frühförderung kein geschützter Begriff ist. Um die Frühförderung zu präzisieren, stellte Sabine Höck Merkmale interdisziplinärer Frühförderung vor.

Diese beinhalten:

  • Niedrigschwelligkeit,
  • Lebenswelt- bzw. Alltags- und Familienorientierung,
  • Interdisziplinarität,
  • Ganzheitlichkeit sowie einen
  • präventiven Ansatz. 

Vor allem das letztgenannte Merkmal zeige eine hohe Überschneidung mit dem Bereich der Frühen Hilfen.

Aufgrund der Erfahrung mit entwicklungsauffälligen Kindern, der Beratung und Begleitung ihren Eltern sowie die interdisziplinäre, fallbezogene Routine und Vernetzung liege im Bereich der Frühförderung eine hohe Kompetenz, die im System Früher Hilfen primär genutzt werden sollte; unterschiedliche sozialraumbezogene Leistungen, von offenen Elternangeboten, Elternschulung, Schreiambulanzen bis zum Netzwerk frühe Kindheit (KoKi), sind Teil der Frühförderung. Weitere Beispiele sind das Landsberger Eltern-ABC, die Traunsteiner Elternwerkstatt, das Projekt "Guter Start ins Kinderleben", mobiler Dienst der interdisziplinären Frühförderung in Kindertagesstätten und Krankenhäuser (Harlekin - Nachsorge) und das Netzwerk Frühe Hilfen in Passau.

Auch Sabine Höck warf die Frage der Finanzierung und der Komplexleitung auf. Nicht bedacht sei, dass auch unter den Familien mit behinderten oder entwicklungsgefährdeten Kindern Multiproblemfamilien seien und mehrere Risikofaktoren vorliegen können. Es sollte aus ihrer Sicht ein Spannungsfeld zwischen Risiko- und Resilienzfaktoren und eine "Umzingelung" der Familie mit Helfenden ausschließen. Die Erfahrungen mit den anderen "Systemen Früher Hilfen" zeigten, dass die Kompetenz der Frühförderung tendenziell nicht gekannt, gesehen bzw. berücksichtigt und parallele Netzwerke aufgebaut werden. Bezüglich der "großen Lösung" brachte Sabine Höck Skepsis zum Ausdruck, da die Belange behinderter Kinder und Jugendlicher weniger berücksichtigt würden, wenn sie strukturell dem Jugendamt zugeordnet werden.

In der anschließenden Diskussion im Plenum wurde darauf hingewiesen, dass die Systemabgrenzung in internationalen Bezügen nicht verstanden werde und dies eine "typisch deutsche" Debatte sei. Zusätzlich warfen die Teilnehmenden die Frage auf, wieso die Frühförderung in Netzwerken Frühe Hilfen kaum beteiligt sei, woraufhin Tagungsteilnehmenden zur stärkeren öffentlichen Positionierung der Frühförderung und Vernetzung anregten. Gründe für diese fehlende Vernetzung könnten sein, dass das Kerngeschäft in der Frühförderung Unwägbarkeiten mit sich bringe, fachpolitische Debatten wenig wahrgenommen werden und dass sie im Vergleich zur Kinderschutzarbeit, die sehr viel stärker politisch sei, schlechter mit relevanten Informationen auf Bundesebene versorgt werde. Dieser Kongress sei für die Frühförderung wichtig, um das Politische zu stärken.

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