Gemeinsame Verantwortung für Kinder kennt keine Systemgrenzen

Baden-Württemberg schließt die bundesweit erste Rahmenvereinbarung zum gemeinsamen Handeln von Ärzten und Kinder- und Jugendhilfe im präventiven Kinderschutz

Gemeinsame Pressemitteilung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen, des Sozialministeriums Baden-Württemberg, des Städtetags Baden-Württemberg und des Landkreistags Baden-Württemberg sowie des BKK Landesverbandes Süd und der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW)

Stuttgart, 23. Oktober 2014 | Baden-Württemberg geht neue Wege in der frühen Förderung von Kindern: Noch bevor es zu Gefährdungen für die kindliche Entwicklung kommt, soll unterstützungsbedürftigen Familien Hilfe angeboten werden. Dies ist das Ziel des seit 4 Jahren laufenden Projekts „Frühe Hilfen“ der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Im Projekt, das Vertreter der Ärzteschaft, der Psychotherapeuten und der Jugendämter an einen Tisch bringt, folgt nun der nächste Schritt: Als erstes Bundesland hat Baden-Württemberg diese Kooperation zwischen der KVBW, dem Städte- und Landkreistag sowie dem BKK-Landesverband Süd institutionalisiert und in die vertragsärztliche Regelversorgung aufgenommen. Damit schreibt Baden-Württemberg gleich doppelt Geschichte: Denn die Vertragspartner schlagen hier gleichzeitig eine Brücke zwischen zwei Sozialgesetzbüchern.

Die KVBW hat zunächst auf Initiative und mit finanzieller Förderung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) bereits ab 2010 erfolgreich erprobt, was jetzt zwischen den Partnern vertraglich vereinbart wurde. Seit Herbst 2013 wird das Projekt „Vernetzung von vertragsärztlichen Qualitätszirkeln mit Angeboten der Frühen Hilfen“ aus Mitteln gefördert, die dem Sozialministerium Baden-Württemberg im Rahmen der „Bundesinitiative Netzwerke Frühe Hilfen und Familienhebammen“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur Verfügung gestellt worden sind. Es handelt sich um ein sogenanntes zentrales, landesweit bedeutsames Projekt, das von der Landessteuerungsgruppe zur Umsetzung der Bundesinitiative auf Vorschlag des Sozialministeriums in die Förderung des Bundes überführt worden ist. Ziel des Projekts ist eine bessere Zusammenarbeit von Gesundheitswesen und Jugendhilfe. Vertragsärzte bzw. -Psychotherapeuten werden zusammen mit Mitarbeitern von Jugendämtern in Form von Tandems darin geschult, gemeinsame Qualitätszirkel durchzuführen. Inhaltlicher Schwerpunkt ist der fachliche Austausch über kritische Fälle. Derart gut vernetzt kann belasteten Familien frühzeitig die passende Hilfe vermittelt werden.

Nach dreijähriger Laufzeit wurde das Projekt wissenschaftlich evaluiert. Die Evaluation zeigt, dass der gewählte Ansatz der richtige ist: Die vertrauensbildende Zusammenarbeit von Gesundheitswesen und Jugendhilfe unterstützt die notwendige Kooperation im präventiven Kinderschutz. Die Rückmeldungen der Beteiligten zum Projekt der KVBW waren durchweg positiv.

Für den Vorstandsvorsitzenden der KVBW, Dr. Norbert Metke, ist dieser Vertrag richtungsweisend: „Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern hat furchtbare, oft lebenslange Folgen. Umso wichtiger ist es, hier frühzeitig Hilfe anzubieten. Mit dem Programm Frühe Hilfen werden zum einen unsere Ärzte und Psychotherapeuten entsprechend auf das Erkennen von familiären Belastungen, die sich negativ auf die Gesundheit der Kinder auswirken, geschult. Gleichzeitig wird eine enge Kooperation zwischen den beteiligten Personen bzw. Stellen ermöglicht. Bislang war das durch die Grenzen der einzelnen Gesetze erschwert. Wir freuen uns sehr, dass wir gemeinsam mit dem BKK Landesverband Süd und den teilnehmenden Betriebskrankenkassen den ersten Schritt in die Regelversorgung machen können.“

Sozialministerin Katrin Altpeter sieht in dem Vertrag einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer systematischen Vernetzung zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und dem Gesundheitswesen. „Ich hoffe, dass von Baden-Württemberg eine Signalwirkung ausgeht, die auch andere Kassenverbände dazu ermutigt, den Weg des BKK-Landesverbands Süd zu gehen.“

Für Prof. Eberhardt Trumpp, Hauptgeschäftsführer des Landkreistages, und Frau Gudrun Heute-Bluhm, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städtetages, ist die Zusammenarbeit Ausdruck des gemeinsamen Willens, die Kinder im Land besser zu fördern: „Die Zukunft einer Gesellschaft ist untrennbar mit dem Nachwuchs verknüpft. Wir Vertragspartner sind der Überzeugung, dass die Intensivierung und Strukturierung der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Gesundheitswesen dazu dient, insbesondere gefährdeten Kindern ein gedeihliches Aufwachsen zu ermöglichen. Gerade die Kommunen haben die sozialen und finanziellen Folgen von schwierigen Lebenssituationen von Kindern zu tragen und sind daher vom Leid der Kinder in besonderem Maße betroffen. Die Kooperation bietet nun neue Möglichkeiten, hier gegenzusteuern. Wir werden daher den Städten und Landkreisen empfehlen, die Zusammenarbeit von Ärzteschaft und Jugendhilfe aktiv zu unterstützen und geeignetes Personal für die Qualitätszirkel-Moderatoren-Tandems zur Verfügung zu stellen.“

Jürgen Thiesen, Stv. Vorstandsvorsitzender des BKK Landesverbandes Süd, zeigt sich erfreut darüber, dass bereits 26 Betriebskrankenkassen ihre Teilnahme am Vertrag erklärt haben. Er geht davon aus, dass weitere Betriebskrankenkassen folgen werden: „Die Betriebskrankenkassen pflegen ein enges Verhältnis zu ihren Versicherten. Dabei legen sie besonderen Wert auf Prävention und die rechtzeitige Erkennung etwaiger Gesundheitsgefahren. Die mit dem Vertrag angestrebte stärkere Vernetzung der Akteure leistet dazu einen wesentlichen Beitrag. Wir sind deshalb der Ansicht, dass es sich dabei um eine sinnvolle Investition in die Zukunft handelt. Zum einen wird die Gesundheit der Kleinsten unserer Versicherten gestärkt. Zum anderen belegen Untersuchungen, dass durch frühzeitige und koordinierte Hilfsangebote höhere Folgekosten vermieden werden können.“ Die Vereinbarung wird von der Koordinierungsstelle jährlich evaluiert und gemeinsam beraten.

Weitere Informationen sind im Internet verfügbar: www.kvbawue.de/qualitaet/qualitaetssicherung/fruehe-hilfen/

Ansprechpartner für die Presse:

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