Forschungsprojekt "Aus Fehlern lernen - Qualitätsmanagement im Kinderschutz"

Im Rahmen des neuen Aufgabenbereichs "Lernen aus problematischen Kinderschutzverläufen" hat das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) das Forschungs- und Praxisentwicklungsprojekt "Aus Fehlern lernen - Qualitätsmanagement im Kinderschutz" auf den Weg gebracht. Mit der Durchführung des Projekts wurde die Alice-Salomon-Hochschule Berlin in Kooperation mit dem Kronberger Kreis für Qualitätsentwicklung e.V. unter der Leitung von Prof. Dr. Reinhart Wolff und Prof. Dr. Uwe Flick beauftragt.

Im gemeinsamen Beschluss der Konferenz der Regierungschefs der Länder und der Bundeskanzlerin vom 12. Juni 2008 wurde das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) mit einem neuen Aufgabenbereich beauftragt: "Um Defizite im Kinderschutz zu identifizieren und um aus problematischen Kinderschutzverläufen zu lernen, wird das Nationale Zentrum Frühe Hilfen in Abstimmung mit Bund und Ländern eine Plattform für einen regelhaften Erfahrungsaustausch einrichten."

Nach Beratung mit den Ländern, den kommunalen Spitzenverbänden sowie Kinderschutzexpertinnen und -experten hat das NZFH zur Umsetzung dieses Auftrags ein Konzept aus zwei Bestandteilen entwickelt:

Konzeptbestandteile:
A) Einerseits soll geprüft werden, wie ein Analysesystem hinsichtlich problematischer Kinderschutzverläufe aufgebaut werden kann, um aus konkreten Fällen (und auch aus sogenannten "Beinahe-Ereignissen") für die Zukunft zu lernen und ähnliche Verläufe verhindern zu helfen. Hierfür befinden sich die Arbeiten in der Sondierungs- und Konzeptionierungsphase.

B) Andererseits werden in einem Projekt vorhandene Kinderschutzsysteme mit den Kommunen gemeinsam analysiert und ein Prozess der Qualitätsentwicklung im Kinderschutz initiiert werden. Das NZFH hat dafür im Rahmen einer europäischen Ausschreibung das Forschungsprojekt "Aus Fehlern lernen - Qualitätsmanagement im Kinderschutz" auf den Weg gebracht. Den Zuschlag hierfür hat die Alice-Salomon-Hochschule Berlin in Kooperation mit dem Kronberger Kreis für Qualitätsentwicklung e.V. erhalten. Das Projekt wird von Prof. Dr. Reinhart Wolff und Prof. Dr. Uwe Flick geleitet. Das Forschungsprojekt hat im April 2009 begonnen und ist nun in der Phase des Auswahlverfahrens der zu beteiligenden Kommunen:

"Aus Fehlern lernen - Qualitätsmanagement im Kinderschutz" Projektzeitraum April 2009 – November 2010

Worum geht es in dem Projekt?

Das Projekt will bundesweit über 40 Kommunen (soweit diese Träger der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe sind) mit ihren für den Kinderschutz verantwortlichen Jugendämtern in einem dialogischen Qualitätsentwicklungsprozess anleiten und unterstützen.

Gemeinsam mit Leitungskräften aus der mittleren Führungsebene und Fachkräften an der Basis der am Kinderschutz beteiligten Berufssysteme –

  • der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe
  • des Gesundheits-, Familienhilfe- und des Bildungssystems
  • der Schwangerschaftsberatung, Frauen- und Männerberatung
  • der Polizei und der Feuerwehr
  • des Familiengerichts
  • sowie eingeladene Klienten/-innen der sozialen Dienste, am besten aus sogenannten "langwierigen" und "komplizierten", aber auch aus "erfolgreichen" Fallverläufen –

soll die Kinderschutzarbeit in einer Region reflektiert und weiterentwickelt werden.

Es wird zwischen "Modell-Kommunen" und "Partner-Kommunen" unterschieden, die in "Qualitätsentwicklungswerkstätten" (QE-Werkstätten) zusammen arbeiten und sogenannte "Kinderschutzcluster" bilden.

Modellkommunen:
Mit zwölf Modellkommunen wird exemplarisch ein Qualitätsentwicklungsprozess durchlaufen: In sechs der Modellkommunen wird zur Einschätzung des lokalen Entwicklungsbedarfs zunächst eine Evaluation durch den Projektträger (eine sogenannte Schwerpunkt-Base-Line-Erhebung) durchgeführt.
In der anderen Hälfte der Modellkommunen wird – wissenschaftlich begleitet durch den Projektträger – eine Selbstevaluation zur Einschätzung des lokalen Entwicklungsbedarfs durchgeführt.
Schwerpunkt des Projektes sind die auf Grundlage der Evaluation anschließend in jeder Modell-Kommune 5 x zweitägig durchgeführten dialogischen "Qualitätsentwicklungswerkstätten", im Rahmen derer das lokale Kinderschutzsystem sowie dessen Instrumente und Verfahren weiterentwickelt werden. An den Werkstätten nehmen neben der jeweiligen Modellkommune zusätzlich noch drei weitere sogenannte Partner-Kommunen teil.

"Partner-Kommunen":
Eine Partner-Kommune ist eine Kommune, die Interesse am Qualitätsentwicklungsprozess hat, der jedoch eine Mitwirkung von Multiplikatoren/-innen in den QE-Werkstätten der Modell-Kommune als Ausgangspunkt und erster Anstoß für eine eigene Qualitätsentwicklung genügt. Partner-Kommunen sind Kommunen, die entweder in räumlichem (regionale Nähe) oder sachlichem (gleiche Fragestellungen, ähnliche Größe, etc.) Bezug zu einer Modell-Kommune stehen. Je drei Partner-Kommunen nehmen an den Qualitätsentwicklungswerkstätten einer Modell-Kommune teil. Die Modell-Kommunen und die Partner-Kommunen bilden sogenannten "Kinderschutz-Cluster".

Qualitätsentwicklungswerkstätten:
Ab dem III. Quartal 2009 finden in allen zwölf Modell-Kommunen etwa alle zwei Monate zweitägige Werkstatttreffen (insgesamt fünf) statt. Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind:

  • Bis zu 30 Vertreterinnen und Vertreter aus den Modell-Kommunen; dabei sollen neben den primär betroffenen Fachkräften der Jugendämter/ASDs/KSDs auch die Fachkräfte der örtlichen Kooperationspartner, idealerweise als bestehendes oder im Aufbau befindliches professionsübergreifendes Netzwerk, mitwirken.
  • Vier Vertreterinnen und Vertreter je Partner-Kommune (insgesamt zwölf Vertreterinnen und Vertreter aus drei Partner-Kommunen), die einerseits ergänzende Impulse aus externer Sicht und ähnlichem Erfahrungsfeld einbringen sollen, andererseits aber auch den Transfer der gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse in die Partnerkommunen sicherstellen sollen.
  • Fünf bis sechs Klientinnen und Klienten, die - selbstverständlich eigene Bereitschaft vorausgesetzt – eigene Bedürfnisse und Erfahrungen einbringen sollen.

Jeweils zwei Qualitätsentwickler/-innen des Projektträgers bilden zusammen mit drei bis vier lokalen Werkstatt-Teilnehmer/-innen eine Steuerungsgruppe der QE-Werkstatt.Diese QE-Werkstätten stellen vergleichsweise hohe Erwartungen an das einzubringende zeitliche und inhaltliche Engagement aller Beteiligten. Nach vorausgegangenen Erfahrungen in einzelnen, zum Teil von konkreten Problemfällen betroffenen Jugendämtern hat sich diese Vorgehensweise jedoch als konstruktive und erfolgversprechende Methode bewährt.Daten und Ergebnisse der Forschung und der QE-Werkstätten aus den zwölf Projektstandorten werden (entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen) anonymisiert behandelt. Erarbeitete Instrumente, Methoden und Verfahren sollen im Sinne eines möglichst transparenten Wissenstransfers auch über das Projekt hinaus anderen Kommunen zugänglich sein.

Was hat man von einer Teilnahme am Projekt?

  • Das Projekt unterstützt die Kinderschutzfachkräfte bei der Entwicklung eines selbstbewussten, demokratischen und ambivalenztoleranten Rollenprofils, um das Negativ-Image von Kinderschutz-Einrichtungen (und nicht zuletzt der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe) zu überwinden.
  • Das Projekt hilft, die programmatischen und methodischen Kompetenzen in der Fallarbeit zu stärken.
  • Das Projekt ermöglicht das Erkennen von strukturellen Schwächen und Problemen in der Kooperation. Es stärkt das intra- und das interorganisationale Qualitäts-, Fehler- und Risikomanagement.
  • Das Projekt fördert durch eine mehrseitige Qualitätsentwicklung eine sich selbst reflektierende, achtsame Kinderschutzpraxis, in der die Fachkräfte der unterschiedlichen Professionssysteme gelernt haben:

  • evaluativ zu denken
  • sich selbst und andere kollegial und kritisch in den Blick zu nehmen und
  • Risiken und Gefährdungen ohne Vorverurteilungen und Ressentiments professionsübergreifend zu untersuchen, d.h. aus Fehlern zu lernen.

Dazu werden z. B. die folgenden Instrumente eingesetzt und weiterentwickelt:

  • Multiperspektivische Assessment-Rahmen zur Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen, familialen Belastungen und von organisationalen und fachlichen Risiken,
  • Hilfe- und Unterstützungsbögen zur bedarfsgerechten Gestaltung belastungs- und risikoadäquater Schutzkonzepte,
  • Verfahren und Instrumente zur Selbstevaluation, Hilfeverlaufsanalyse und Hilfeprozessoptimierung.

Es ist geplant, dass das Projekt den an den Qualitätsentwicklungswerkstätten teilnehmenden Fachkräften eine zertifizierte Qualifizierung als "Qualitätsmanager/-innen im Kinderschutz" anbietet.

Teilnahmebedingungen

Folgendes waren die Teilnahmebedingungen für interessierte Kommunen:

  • Die Kommune (sowohl Modell- oder auch Partnerkommune) muss Träger der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe sein.
  • Die Kommune und die daran beteiligten Professionssysteme (s. o.) sind bereit, ihre am Projekt teilnehmenden Fachkräfte zur verbindlichen und regelmäßigen Teilnahme freizustellen.
  • Die Kommune, die sich als Modell-Kommune bewirbt, muss kostenfrei Tagungsräume für die fünf zweitägigen QE-Werkstätten (mit einem größeren Raum für etwa 50 Personen und drei weiteren kleinen Arbeitsräumen) zur Verfügung stellen.
  • Kommunen, die sich als Modell-Kommune bewerben, klären ihre Teilnahme mit ihren interprofessionellen Partnern im Kinderschutz (Gesundheitsamt, Schulen, Polizei, Kita u.a.) und bewerben sich zusammen mit ihnen für das Projekt. (Hinweis: sollte der Zeitraum für diese Abklärung zu knapp sein, können Sie gerne zunächst Ihr Interesse bekunden und eine verbindliche Bewerbung nachreichen. Bitte geben Sie dann unbedingt an, bis wann Sie verbindlich Aussagen zu Ihrer Bewerbung treffen können).

Zur Auswahl der teilnehmenden Kommunen waren folgende Auswahlkriterien vorgesehen:

  1. Im Forschungsprojekt "Aus Fehlern lernen - Qualitätsmanagement im Kinderschutz" sollen Kommunen aus unterschiedlichen Regionen und mit unterschiedlichen Settings vertreten sein (städtisch/ländlich; Nord/Süd/West/Ost; Sozialraum- und Problemvielfalt)
  2. Es soll ein explizites Qualitätsentwicklungsinteresse erkennbar sein.
  3. Kommunen, in denen es zu problematischen Kinderschutzverläufen gekommen ist und die aus diesen Erfahrungen lernen wollen, werden bei der Auswahl besonders berücksichtigt.

Die Bewerbungsfrist endete am 26. Juni 2009.