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"Diese Frauen sind keine Monster". Christiane Ludwig-Körner über gestresste junge Mütter und Lücken im Hilfesystem

Prof. Dr. Christiane Ludwig-Körner von der Fachhochschule Potsdam unterstützt das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats und als Leiterin des vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten Modellprojektes "Wie Elternschaft gelingt" in Brandenburg. In einem Interview mit der Märkischen Allgemeinen (MAZ) spricht die Psychoanalytikerin über die drei Fälle von Kindstötungen in Brandenburg.

 

MAZ: Frau Ludwig-Körner, lassen sich Kindstötungen verhindern?

Christiane Ludwig-Körner: Bei jungen Frauen, die ihr Kind bekommen und dann heillos überfordert sind wie im Fall der Mutter aus Frankfurt (Oder), gibt es schon Möglichkeiten, etwas zu tun. Da könnten verschiedene Hilfsangebote greifen, zumal wenn die Mutter bereits zuvor Hilfe von einer Behörde, einem Träger in Anspruch genommen hatte. An junge Mütter, die ihre Schwangerschaft verleugnen wie in den Fällen von Nauen und Lübben, wird man kaum herankommen. Außer man würde an eine weitreichendere Hilfe oder präventive Arbeit denken.
Wie könnte die aussehen?

Ludwig-Körner: Man müsste noch viel mehr aufklären. Vor allem in den Schulen passiert noch viel zu wenig. Psychologie und Pädagogik sollten fester Bestandteile des Lehrplans sein, um junge Leute auf die Elternschaft vorzubereiten. Das gilt nicht nur für Mädchen, sondern auch für junge Männer. Auch über Fernsehspots und Plakate müsste noch viel mehr darauf hingewiesen werden, wo Mütter Hilfe finden.

Gibt es denn genügend Hilfsangebote für junge Mütter in Brandenburg?

Ludwig-Körner: Das Problem ist die Betreuung von jungen Müttern, die bereits volljährig sind. Wenn jemand 18 Jahre alt ist, heißt das nicht, dass er auch tatsächlich erwachsen ist und die Verantwortung für ein Kind tragen kann. Aber diese Frauen können nur betreut werden, wenn sie dem auch zustimmen. Viele, die auch nach Erreichen der Volljährigkeit weiter gerne vom Jugendamt betreut werden würden, fallen zudem aus dem Hilfesystem, weil das Geld dafür fehlt. Da gibt es eine große Lücke, die dringend geschlossen werden muss.

Was ist mit minderjährigen Müttern, werden die ausreichend betreut?

Ludwig-Körner: Jugendämter und Sozialarbeiter sind oft gar nicht in der Lage, jeden Fall genau im Auge zu haben, weil sie völlig überlastet sind. Es müssten viel mehr Mitarbeiter eingestellt werden, um Mütter gleich ab Beginn der Schwangerschaft kontinuierlich zu begleiten. In vielen Fällen reicht es eben nicht, wenn einmal pro Woche kurz jemand vorbeischaut.

Landespolitikerinnen von CDU und Grünen fordern mehr Babyklappen und die Legalisierung anonymer Geburten. Ließen sich so Kindstötungen vermeiden?

Ludwig-Körner: Ich fürchte nein. Ich halte das eher für den Versuch der Gesellschaft, sich damit zu beruhigen, etwas getan zu haben. Eine Frau, die ihre Schwangerschaft verdrängt, ist von der Geburt völlig überwältigt. Sie befindet sich in einem Ausnahmezustand, sie denkt nicht geordnet, wickelt ihr Kind nicht ein, um es zu einer Babyklappe zu bringen. Solche Frauen reagieren in Panik, sind völlig außer sich und denken nur noch weg, weg, weg, das Kind muss irgendwie weg. Sie hoffen in ihrer Verzweiflung, so alles ungeschehen machen zu können. Sie überlegen sich vorher nicht rational, was mit dem Kind geschehen soll.

Anne G. aus Nauen hat ihr Kind nach eigenen Angaben auch deshalb getötet, weil sie Angst hatte, mit Kind keine Arbeit zu bekommen.

Ludwig-Körner: Diese Angst ist ja nicht ganz unberechtigt. Auf der einen Seite wird ständig gesagt, dass wir mehr Kinder wollen. Aber wo ist das Umfeld für Kinder? Wir haben in Deutschland eigentlich keine Kultur des Kinderkriegens. Es reicht nicht, mehr Krippenplätze anzubieten, auf die Qualität der Einrichtungen kommt es an. Man kann nicht immer nur reden, man muss politisch andere Prioritäten setzen. Konkret heißt das, dass mehr Geld für Kinder- und Familienhilfe bereitgestellt werden muss – anstatt beispielsweise marode Straßen zu sanieren.

Man hat den Eindruck, dass sich Kindstötungen häufen.

Ludwig-Körner: Ich glaube, dieser Eindruck täuscht. Kindstötungen hat es schon immer gegeben, ich vermute sogar, dass früher die Dunkelziffer viel höher war als heute. Aber die Medien sind viel sensibler geworden, das Thema ist mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer sagt, dass im Osten Deutschlands häufiger Kinder von ihren Eltern getötet werden als im Westen. Glauben Sie auch, dass das Problem im Osten größer ist?

Ludwig-Körner: Nein, solche Fälle gibt es überall. Zudem ist es kein Phänomen, dass sich auf bestimmte soziale Schichten begrenzen lässt. Es gibt auch genügend Frauen aus gebildeten Schichten, die ihre Schwangerschaft verleugnen. Man muss sehen, dass eine Geburt immer eine Entwicklungskrise für eine Frau mit sich bringt. Das gesamte Lebensgefüge gerät durch ein Kind durcheinander. Das steckt niemand so einfach weg, auch eine körperlich und geistig gesunde Frau nicht. Bei labilen Persönlichkeiten kann es dann zu panischen Reaktionen kommen. Diese Frauen sind keine Monster, sondern arme Hascherl. Nur wenn man an diese Frauen frühzeitig, schon zu Beginn der Schwangerschaft herankommt, besteht eine Chance, dramatische Fälle, wie wir sie derzeit erleben, zu verhindern. Aber ein lückenloses Hilfesystem wird es leider nie geben.


Quelle: Online-Angebot der Märkischen Allgemeinen vom 19.02.2008, www.maerkischeallgemeine.de
Das Interview führte Marion Kaufmann.
Die Übernahme dieses Textes erfolgt durch die freundliche Genehmigung der Märkischen Allgemeinen.