DJI OnlineThema 2014/12: Ist das deutsche Kita-System sozial ausgewogen?

Der Zugang zu Bildung, Erziehung und Betreuung sollte unabhängig vom Erwerbsstatus bzw. den finanziellen Ressourcen der Eltern oder der Zugehörigkeit zu einem regionalen Sozialraum für alle Kinder gewährleistet sein. DJI-Analysen zeigen, dass soziale Selektionsmechanismen oder ungleiche Belastungen auch im Bereich der Kindertagesbetreuung wirksam waren bzw. sind. Die Einführung eines uneingeschränkten Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz seit August 2013 ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, um dem entgegenzusteuern. Dennoch bleiben Kommunen in der Pflicht, für den weiteren Abbau von Benachteiligungen zu sorgen.

In ihrem Beitrag "Der Einfluss sozioökonomischer und sozialstruktureller Bedingungen auf die Betreuungsentscheidung von Eltern" beschreibt Prof. Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin von der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, dass die Zugänge zu frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung vorrangig über die familienbezogenen Merkmale bestimmt sind. Allen voran das mütterliche Erwerbsverhalten. Aber auch der Bildungsstatus der Familie, der Migrationsstatus, die Lebens‐ bzw. Familienform und damit die innerhalb der Familie mehr oder weniger bewusst ausgehandelte Rollenverteilung haben Einfluss auf die Bildungsbeteiligung unter dreijähriger Kindern. Ebenso wirken sich, wenn auch weniger stark, sozialräumliche Merkmale auf deren Bildungsbeteiligung aus.

Mit der "Finanziell ungleichen Belastung von Familien durch Kindertagesbetreuung am Beispiel Nordrhein-Westfalens" setzt sich Christiane Meiner vom Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/TU Dortmund auseinander. Einen Platz in der Kita zu bekommen, wird von vielen Eltern wie ein Sechser im Lotto gefeiert. Nur wenigen ist klar, welche (auch versteckten) Kosten – neben den bundesweit höchst unterschiedlichen Gebühren – im Laufe der Jahre noch auf sie zukommen. Wer versucht, hierzu genaues Zahlenmaterial zu finden, stellt schnell fest: Transparenz – Fehlanzeige. Christiane Meiner hat bei ihren Recherchen in Nordrhein-Westfalen u.a. festgestellt, dass trotz der Einkommensstaffelung bei den Elternbeiträgen für die Kindertagesbetreuung einkommensschwache und kinderreiche Familien ungleich stärker belastet werden. Dies verschärft sich durch erhobene Gebühren für Mittagessen, Bastel- und Getränkegeld oder Ausflüge noch zusätzlich.

Das DJI Online Gesprach mit Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, dem Direktor des Deutschen Jugendinstituts und Leiter des Forschungsverbundes Deutsches Jugendinstitut/TU Dortmund, dreht sich um die Frage: "Kita 2020 – Wie geht es weiter?"
Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig sowie die Fachministerinnen und Fachminister der Länder haben sich auf einer Konferenz zur Frühen Bildung am 6. November 2014 auf einen Prozess zur Entwicklung gemeinsamer Qualitätsziele in der Kindertagesbetreuung geeinigt. Als Keynote-Speaker war DJI-Direktor Prof. Dr. Thomas Rauschenbach zum „Kita-Gipfel“ in Berlin geladen, der in seinem Vortrag sowohl auf die bereits erzielten Erfolge hinwies, als auch künftige Herausforderungen beschrieb. Eine der Aufgaben lautet demzufolge: Die „soziale Frage“ müsse auch weiterhin ein Schlüsselthema der Kindertagestreuung bleiben, da insbesondere der U3-Ausbau überproportional von bildungsaffinen Eltern genutzt werde, was die „soziale Vererbung“ von Bildungschancen verstärke.

"Trotz Ausbau kein Platz? - Der Einfluss von Einstellungen und soziodemografischen Faktoren auf die Nichtinanspruchnahme öffentlicher Kindertagesbetreuung" ist das Thema von Dr. R. Christian Alt, Dr. Anne Berngruber und Dr. Sandra Hubert.
Auf Basis der beiden Erhebungswellen des DJI-Surveys AID:A (Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten) aus den Jahren 2009 und 2013/14 wird deutlich, dass vorwiegend Familien mit höheren Bildungsabschlüssen die großen Nutznießer des U3-Ausbaus sind. Außerdem zeigt sich, dass es neben den sehr überzeugten Nichtnutzern öffentlicher Kindertagesbetreuung eine ebenso große Gruppe potenzieller Nachfrager gibt. Diese Eltern, die häufiger niedrigere Schulabschlüsse und einen Migrationshintergrund haben, sind bei der Inanspruchnahme weniger aufgrund ihrer Einstellungen zurückhaltend, sondern vielmehr mit Zugangsproblemen konfrontiert. Ein Ergebnis, dass ganz klar politischen Handlungsbedarf indiziert.