Daten und Fakten

Eine systematische, umfassende empirische Dauerbeobachtung zum Ausmaß von Vernachlässigungen und Misshandlungen von Kindern gibt es in Deutschland bislang nicht. Einige Anhaltspunkte hierzu liefern jedoch verschiedene Studien und amtliche Statistiken, die Fälle von Kindstötungen, Misshandlungen und Vernachlässigungen sowie Eingriffe in die elterliche Sorge dokumentieren, aber auch das Agieren der Kinder- und Jugendhilfe bei Erziehungsschwierigkeiten, familiären Krisen sowie konkreten Kindeswohlgefährdungen in den Blick nehmen (vgl. auch NZFH/Forschungsverbund 2013).

Empirische Aussagen zum Ausmaß der verschiedenen Gewaltformen gegen Kinder in Deutschland können nur eingeschränkt getroffen werden. Diese beruhen auf wenigen Studien mit einer repräsentativen Auswahl der Bevölkerung, auf methodisch unzureichenden Schätzungen und auf kleineren Erhebungen im Bereich der Gesundheits- und der Kinder- und Jugendhilfe.

Darüber hinaus geben verschiedene Statistiken (z.B. Kinder- und Jugendhilfestatistik, Polizeiliche Kriminalstatistik, Todesursachenstatistik) Hinweise auf verschiedene Teilmengen, z.B. Fälle von Misshandlungen oder Tötungen, die strafrechtlich verfolgt werden, oder Fälle, in denen Kinder kurz- oder langfristig aus der Familie genommen werden (HzE-Statistik). Seit 2012 werden außerdem Verfahren zur Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen im Jugendamt statistisch erfasst sowie bei den familiengerichtlichen Maßnahmen zusätzliche Erhebungsmerkmale wie das Alter der betroffenen Kinder mit berücksichtigt.

Und nicht zuletzt werden jährlich die Fallzahlen zu den Hilfen zur Erziehung und zu den Inobhutnahmen gezählt. Hierüber werden Leistungen und Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe in den Blick genommen, die zum Einsatz kommen sollten, wenn eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung nicht mehr gewährleistet ist oder wenn bei Gefahr im Verzug die Herausnahme eines Kindes oder Jugendlichen auch gegen den Willen der Eltern bzw. des Elternteiles notwendig ist.

Die folgenden Inhalte tragen statistische Daten aus den genannten Bereichen zusammen, und zwar im Einzelnen zu(r)

Kindeswohlgefährdung

  • Zur Verbreiterung der Wissensbasis zum Kinderschutz wurde im Kontext der Vorbereitungen des Bundeskinderschutzgesetzes u.a. beschlossen, die amtliche Kinder- und Jugendhilfestatistik erstmals um ein Verfahren zu erweitern: die Gefährdungseinschätzungen nach § 8a Absatz 1 SGB VIII im Jugendamt. Seit 2012 sollen Jugendämter für jede abgeschlossene Gefährdungseinschätzung, für die gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung vorliegen und für die eine Einschätzung des Gefährdungsrisikos im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte erfolgt ist, ungeachtet des Ergebnisses der Gefährdungseinschätzung, eine Meldung an die amtliche Statistik abgeben. Hierdurch sind jetzt erstmals flächendeckende Auswertungen zu Art, Umfang und Ergebnis von Gefährdungseinschätzungen sowie den meldenden Personen/Institutionen in Deutschland möglich. Ein Rückschluss von der Zahl der Verfahren auf die Zahl der betroffenen Kinder ist allerdings bisher ausgeschlossen.
  • In Deutschland gab es 2014 insgesamt 124.213 Verfahren zur Gefährdungseinschätzung bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, dies entspricht (inklusive Mehrfachmeldungen) 1% der unter 18-Jährigen in Deutschland (vgl. StaBu 2015, Berechnungen der AKJStat).
  • Nicht jedes Verfahren bestätigt jedoch gleichzeitig den Gefährdungsverdacht. Wie in den Vorjahren wurde auch 2014 nur in einem Drittel der Fälle eine akute oder latente Kindeswohlgefährdung durch das Jugendamt bestätigt, in einem weiteren Drittel wurde ein erzieherischer Hilfebedarf gesehen, ca. 33% der Verfahren endeten ohne die Feststellung einer Kindeswohlgefährdung oder eines Hilfebedarfes (vgl. auch Kaufhold/Pothmann 2014).
  • Bereits in den Auswertungen der ersten beiden Erhebungsjahre 2012 und 2013 deutete sich an, dass das Gesundheitswesen als Initiator des 8a-Verfahrens eine besondere Rolle spielt, weil es mehr als alle anderen Berufsgruppen (mit Ausnahme der Jugendhilfeakteure selbst) die ganz kleinen Kinder im Blick hat (vgl. Kaufhold/Pothmann 2014). Diese Einschätzung wird bestätigt durch aktuelle Daten aus den Jugendämtern: Auch im Erhebungsjahr 2014 erfolgte jede fünfte Gefährdungseinschätzung eines unter einjährigen Kindes auf Initiative eines Akteurs aus dem Gesundheitswesen. Dabei werden  akute oder latente Kindeswohlgefährdung zudem häufiger bestätigt (in 42% der Verfahren in dieser Altersgruppe) als in anderen Meldergruppen bzw. in Verfahren älterer Kinder (vgl. Kaufhold/Pothmann 2014). 

Vernachlässigung

  • In einer retrospektiven Studie (Häuser u.a. 2011) wurden Jugendliche und Erwachsene zu ihren Vernachlässigungs- und Misshandlungserfahrungen in Kindheit und Jugend befragt. Werden auch geringere Erfahrungen von Vernachlässigung einbezogen, berichten fast 50% der Befragten von körperlicher und/ oder emotionaler Vernachlässigung. Schwere körperliche Vernachlässigung lag bei 10, 8% und schwere emotionale Vernachlässigung bei 6,6% der Befragten vor.
  • Nicht-repräsentative Daten legen schon längere Zeit die Vermutung nahe, dass Kindesvernachlässigung die mit Abstand häufigste Gefährdungsform der im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe bekannt werdenden Fälle darstellt. In ihrer Tendenz wird diese Aussage auch dadurch untermauert, dass sich die Situation in allen Ländern, in denen bislang die Häufigkeit verschiedener Formen von Kindeswohlgefährdung untersucht wurde, ähnlich gestaltet (Galm et al. 2010, 38-40).
  • Eine empirische Bestätigung hierzu liefern aktuelle Daten der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik: In 63% der akuten sowie in 64% der latenten Kindeswohlgefährdungen, die 2014 in Jugendämtern erfasst wurden, ging es um Vernachlässigungen (vgl. StaBu 2015a).

Seelische Gewalt / psychische Misshandlung

  • Nach Häuser et al. (2011) liegt das Ausmaß seelischer Gewalt bei 15%, wenn eine minderschwere Ausprägung einbezogen wird. 1,6% der Befragten berichten von schwerer seelischer Gewalt in Kindheit und Jugend.
  • Die amtliche Kinder- und Jugendstatistik dokumentiert auch für 2014, dass in mehr als jedem jedem vierten Fall einer (akuten oder latenten) Kindeswohlgefährdung eine psychische Misshandlung der betroffenen Kinder seitens des Jugendamtes gesehen worden ist (27%). Das ist nach den Vernachlässigungen die am zweithäufigsten angegebene Gefährdungsform, gefolgt von körperlicher Misshandlung (24%) und sexuellem Missbrauch (5%) (vgl. StaBu 2015a). Hinweis: Bei der Art der Kindeswohlgefährdungen können von den Fachkräften in den Jugendämtern mehrere Angaben gemacht werden.
  • Dieser Befund schließt an die Ergebnisse einer Studie von Münder et al. (2000) an, die das Ausmaß von psychischer Kindesmisshandlung in Fällen, in denen die Anrufung des Familiengerichts erforderlich war, untersucht. Psychische Misshandlung stellt auch hier die zweithäufigste Gefährdungsform nach Kindesvernachlässigung und vor physischer Misshandlung und sexuellem Missbrauch von Kindern dar. Darüber hinaus zeigen sich relativ hohe Überlappungsraten zwischen verschiedenen Formen der Kindeswohlgefährdung. Dieser Befund spiegelt sich auch international wider (z. B. Jonson-Reid et al. 2003).

Körperliche Erziehungsgewalt / physische Misshandlung

  • Die Mehrheit der Eltern wendet zumindest minderschwere Formen physischer Erziehungsgewalt an, etwa leichte Ohrfeigen oder einen Klaps (Bussmann 2002, 2003, 2005, Pfeiffer et al. 1997, 1999, Baier et al. 2009).
  • In einer Zusammenfassung von Studienergebnissen zieht Engfer (2005) den Schluss, dass ca. 10% bis 15% der Eltern schwerwiegendere und häufigere körperliche Bestrafungen anwenden. In der Studie von Häuser et al. (2011) berichten 12% der Befragten von körperlicher und 2,8% von schwerer körperlicher Gewalt in Kindheit und Jugend.
  • Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) dokumentiert für das Jahr 2015 insgesamt 1.665 Fälle versuchter oder vollendeter körperlicher Misshandlung von Schutzbefohlenen im Alter von unter 6 Jahren. Das macht 0,4 Promille der altersgleichen Bevölkerung in 2014 aus. Nachdem sich die zur Anzeige gebrachten Misshandlungen von Schutzbefohlenen seit dem Jahre 2000 bei unter Sechsjährigen bis 2014 zunächst verdoppelt hatten (vgl. BKA versch. Jahrgänge), sind diese 2015 erstmals um 10% gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Insgesamt steht diese über die PKS dokumentierte Entwicklung bei den Anzeigen aber nach wie vor für eine höhere gesamtgesellschaftliche Sensibilität bezogen auf Gewalt gegenüber Kindern – auch und gerade in ihren Familien (vgl. Fendrich/Pothmann 2010, S. 1005f.; Pothmann/Fendrich 2013, S. 53f.).

Kindstötung

  • Nach Analysen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2003 wurden  in den ausgehenden 1990er Jahren in Deutschland etwa 100 Kinder unter 15 Jahren jährlich Opfer einer Kindstötung (UNICEF 2003, S. 8).
  • Seitdem hat sich die Zahl der jährlich getöteten Kinder deutlich verringert. Die Zahl der Kinder unter 10 Jahren, die durch tätlichen Angriff zu Tode gekommen sind, ist in den letzten 20 Jahren laut Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes um die Hälfte gesunken (Angaben nach ICD 9/ICD 10).
  • Laut Todesursachenstatistik kamen in den 2010er-Jahren (2010-2014) jährlich zwischen 27 und 52 Kinder unter 10 Jahren durch einen so genannten tätlichen Angriff im Sinne des ICD 10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision) ums Leben. Im Durchschnitt entspricht das für diesen Zeitraum pro Jahr 42 Todesfällen. Für die 2000er-Jahre liegt dieser Wert bei 46, für die 1990er-Jahre bei 65 sowie für die 1980er-Jahre bei 91 Fällen (vgl. StaBu versch. Jahrgänge (a), Berechnung AKJStat).
  • Hiervon sind vor allem Säuglinge und Kleinkinder betroffen, die meisten haben das erste Lebensjahr noch nicht vollendet. Deren Zahl liegt seit 2005 bei nie mehr als 25 (vgl. StaBu versch. Jahrgänge (a)).
  • Ein Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) macht jedoch deutlich, dass die von der WHO zugrunde gelegten Todesursachenstatistiken nur einen Teil der tatsächlich getöteten Kinder abbilden. So weist die PKS für 2015 immerhin 130 Kinder unter 14 Jahren aus, die Opfer von Tötungsdelikten geworden sind (zusammengefasst werden hier Opfer von Mord, Totschlag, fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung mit Todesfolge (nur vollendete Fälle). Hinzu kamen für 2015 weitere 52 versuchte Tötungen von Kindern unter 14 Jahren (vgl. BKA 2016).

    Eingriffe in die elterliche Sorge

    • Im Jahr 2014 wurden 4.257 Kinder unter 3 Jahren in Obhut genommen. Zwischen 1995 und 2001 ist ein Anstieg um ca. 40% zu verzeichnen. In den Folgejahren bleibt das Fallzahlvolumen vergleichsweise konstant. Seit der Einführung des § 8a SGB VIII im Jahr 2005 wächst die Zahl der Inobhutnahmen erneut: zwischen 2005 und 2014 um mehr als 130% bei Kindern bis zu 3 Jahren (vgl. StaBu versch. Jahrgänge (b), Berechnung AKJStat).
    • Je jünger die Kinder sind, desto häufiger halten sich die Kinder für die Dauer der vorläufigen Schutzmaßnahme bei einer geeigneten Person oder einer Bereitschaftspflege auf (vgl. Fendrich/Pothmann/Tabel 2014, S. 49f.) – dies betrifft 2014 knapp 54% der unter 3- sowie rund 41% der 3- bis unter 6-Jährigen (StaBu 2015c; Berechnungen der AKJStat).
    • Die Zahl der vollständigen oder teilweisen Sorgerechtsentzüge wird seitens des Statistischen Bundesamtes für 2014 mit 17.029 ausgewiesen (vgl. StaBu 2015b). Seit 2012 wird auf der Grundlage von Änderungen in der Statistik durch das Bundeskinderschutzgesetz bei der Teilerhebung zu den gerichtlichen Maßnahmen zum Entzug der elterlichen Sorge auch das Alter der betroffenen Kinder und Jugendlichen erfasst. Diese Angaben bestätigen, dass Familiengerichte insbesondere bei Eltern mit jüngeren Kindern das Sorgerecht entziehen (vgl. auch Pothmann 2015). So entfallen 37%% der für 2014 erfassten Fälle auf Kinder im Alter von unter 6 Jahren.

    Hilfen zur Erziehung bei unter 6-Jährigen

    • Eltern haben das Recht auf Hilfe zur Erziehung, "wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist" (§ 27 Abs. 1 SGB VIII).
    • Hilfen zur Erziehung (§§ 27 ff. SGB VIII) werden den Familien oft auch dann angeboten, wenn es bereits zu einer Kindeswohlgefährdung gekommen ist.
    • Seit Beginn der 1990er Jahre zeigt sich für alle Formen der Hilfen zur Erziehung eine deutliche Zunahme; allein zwischen 2008 und 2014 lag diese für die über den ASD organisierten Hilfen bei knapp 27% (siehe zur Gesamtentwicklung auch  http://www.hzemonitor.akjstat.tu-dortmund.de ). Allerdings zeigt sich diesbezüglich auch, dass die Fallzahlenentwicklung nach einer länger andauernden Expansionsphase in eine Konsolidierungsphase mit weitaus niedrigeren Steigerungsraten eingetreten ist.
    • Der Anteil begonnener Hilfen aufgrund einer Gefährdungseinschätzung in 2014 liegt – unabhängig vom individuellen Ausgang der Verfahren - auf dem Vorjahresniveau. Bei den familienorientierten ambulanten Hilfen beträgt er rund 14%,  bei Fremdunterbringungen in einer Pflegefamilie 21% und für die Unterbringungen in Heimerziehung 15%. (vgl. StaBu 2015b; Berechnungen der AKJStat).
    • Mit Blick auf die erzieherischen Hilfen, die nach Feststellung einer Kindeswohlgefährdung eingeleitet wurden, zeigen sich im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls nur minimale Veränderungen im Nachkommabereich. Bei rund 5% der ambulanten Hilfen und 18% der Unterbringungen in Vollzeitpflege sowie 10% der Heimunterbringungen wurde in beiden Erhebungsjahren als Grund für die Hilfegewährung eine Gefährdung des Kindeswohls angegeben.
    • Bei Kindern im Alter von unter 3 Jahren steigt allerdings insbesondere der Anteil der familienersetzenden Hilfen, die aufgrund einer Kindeswohlgefährdung begonnen werden, an. 2013 war bei jeder dritten Fremdunterbringung von Kindern in diesem Alter der Grund eine Kindeswohlgefährdung (vgl.  Fendrich/Pothmann 2015, S. 56ff.).