Bundesgesundheitsblatt Nr.10/2016 – Schwerpunktheft Frühe Hilfen

„Frühe Hilfen in Deutschland – Chancen und Herausforderungen" sind das Thema des Schwerpunkthefts Frühe Hilfen 2016 der Monatszeitschrift "Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz".

In den letzten Jahren haben sich in Deutschland die „Frühen Hilfen“ als junges, eigenständiges Forschungsgebiet mit einem rasanten Zuwachs an Wissensbeständen formiert. Auf diese wissenschaftliche Basis kann bei der Ausgestaltung des geplanten Fonds Früher Hilfen zurückgegriffen werden. Dazu gehören beispielsweise Befunde zur Erreichbarkeit vulnerabler Familien, zur fallbezogenen Kooperation zwischen den Hilfesystemen oder zu Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes von Gesundheitsfachkräften in den Frühen Hilfen. Mit dem vorliegenden Schwerpunktheft soll ein Einblick in den aktuellen Stand dieser Wissensbasis gegeben werden.
Nachfolgend finden Sie die Beiträge zum Herunterladen.

Editorial: Frühe Hilfen in Deutschland – Chancen und Herausforderungen

Heidrun M. Thaiss, Leitung Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung


Gesundheitliche Langzeitfolgen psychosozialer Belastungen in der Kindheit – ein Update

Ulrich T. Egle, Klinik Barmelweid, CH-Aarau; Matthias Franz, Peter Joraschky, Astrid Lampe, Inge Seiffge-Krenke, Manfred Cierpka

Ulrich T. Egle und Sonja Entringer präsentieren mit ihren jeweiligen Autorenteams in zwei Übersichtsartikeln den aktuellen Forschungsstand zu gesundheitlichen Langzeitfolgen von psychosozialen Belastungen und Stresserfahrungen in der Kindheit. Sie beleuchten das gemeinsame Thema aus zwei unterschiedlichen Perspektiven, sozialepidemiologisch und neurobiologisch. Die aktuellen Forschungsergebnisse beider wissenschaftlicher Disziplinen stützen dieselbe Hypothese, nämlich die ausgesprochen hohe Bedeutung (sehr) früher Umwelteinflüsse auf gesundheitliche Entwicklungsperspektiven und Lebenschancen. Sie verdeutlichen damit auch die Notwendigkeit von Strategien zur Vermeidung früher Stresserfahrungen durch passende Hilfsangebote für vulnerable Familien.

Frühe Stresserfahrungen und Krankheitsvulnerabilität

Sonja Entringer, Charité Universitätsmedizin Berlin; Claudia Buss, Christine Heim 


Aufwachsen unter familiärer Belastung in Deutschland – Design und Methoden einer entwicklungspsychologischen Studie zu Risiko- und Schutzmechanismen bei Familien mit unterschiedlicher psycho-sozialer Belastung

Peter Zimmermann, Institut für Psychologie, Bergische Universität Wuppertal; Marc Vierhaus, Andreas Eickhorst Alexandra Sann, Carina Egger, Judith Förthner, Jennifer Gerlach, Alexandra Iwanski, Christoph Liel, Fritz Podewski, Sandra Wyrich, Gottfried Spangler 

Peter Zimmermann beschreibt gemeinsam mit seinem Autorenteam das Design einer entwicklungspsychologischen Längsschnittstudie zu Risiko- und Schutzmechanismen bei Familien mit Kleinkindern. Die Studie umfasst neben einer standardisierten Befragung im häuslichen Umfeld auch Entwicklungstests und systematische Beobachtungen.


Inanspruchnahme von Angeboten der Frühen Hilfen und darüber hinaus durch psychosozial belastete Eltern

Andreas Eickhorst, Deutsches Jugendinstitut, München; Andrea Schreier, Christian Brand, Katrin Lang, Christoph Liel, Ilona Renner, Anna Neumann, Alexandra Sann

Dass Frühe Hilfen Wirkung entfalten können, setzt voraus, dass vulnerable Familien mit Angeboten der Frühen Hilfen und der Gesundheitsförderung überhaupt in größerem Umfang erreichbar sind. Anhand der Ergebnisse von KiD 0–3, einer bundesweit repräsentativen Versorgungsstudie mit über 8000 teilnehmenden Familien, zeichnen Andreas Eickhorst und seine Ko-Autorinnen und -autoren ein differenziertes Bild. Obwohl Befunde zur Inanspruchnahme spezieller Angebote Früher Hilfen darauf hinweisen, dass sie auch von vulnerablen Familien genutzt werden, gibt es erheblichen Optimierungsbedarf hinsichtlich ihrer „Zielgenauigkeit“: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Unterstützungsangebote noch zu häufig von Familien in Anspruch genommen werden, die sie nicht dringend benötigen.


Barrieren für die Inanspruchnahme Früher Hilfen – Die Rolle der elterlichen Steuerungskompetenz

Anna Neumann, Nationales Zentrum Frühe Hilfen, Köln; Ilona Renner 

Um gerade belasteten Familien die Zugangswege zu Frühen Hilfen zu ebnen, müssen auch mögliche Barrieren für eine Hilfeannahme ins Auge gefasst werden. Anna Neumann und Ilona Renner zeigen anhand ausgewählter Ergebnisse einer qualitativen Milieustudie mit 273 Probandinnen und Probanden, dass die elterliche Steuerungskompetenz bei der Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten für Familien mit jungen Kindern – unabhängig von Merkmalen der sozialen Lage – einen eigenständigen, erklärenden Einfluss ausübt.


Bedarf für Frühe Hilfen in der Geburtshilfe erkennen und kommunizieren – Eine qualitative Studie über die Erfahrungen von Eltern ein Jahr nach der Geburt

Christiane Prüßmann, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck; Daniela Stindt, Jana Brunke, Ursula Klinkhammer, Ute Thyen

Eine engere Kooperation zwischen Akteuren des Gesundheitswesens und der Kinder- und Jugendhilfe ist die Voraussetzung für eine Verbesserung der Identifizierung von Hilfebedarf und der Vermittlung von Angeboten. In den letzten Jahren wurden insbesondere von Geburtskliniken und Kinder- und Jugendärztlichen Praxen Konzepte des Schnittstellenmanagements zwischen den Unterstützungssystemen entwickelt, erprobt und wissenschaftlich begleitet. Dass bei der Vermittlung von psychosozialen Hilfen in der Geburtsklinik insbesondere eine feinfühlige Kommunikation und ein konsistentes Handeln in Institution und Netzwerk von Bedeutung sind, zeigen Christiane Prüßmann und Koautorinnen und -autoren anhand ihrer qualitativen Elterninterviews.


Evaluation des Babylotse-Plus-Screeningbogens – Untersuchung eines einfachen Instruments zur Identifizierung psychosozial belasteter Eltern von Neugeborenen der Berliner Charité

Silvia Fisch, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin; Theresa Keller; Nurina Nazmy; Ulrike Stasun; Thomas Keil, Christine Klapp 

Eine besondere Herausforderung für die Vermittlung von Unterstützungsangeboten in der Geburtsklinik stellt das Erkennen des Hilfebedarfs dar. Silvia Fisch hat gemeinsam mit ihrem Autorenteam einen einfachen, in der Anwendung „sparsamen“ und somit praktikablen Screeningbogen, der in Entbindungskliniken der Charité Berlin eingesetzt wird, auf seine diagnostische Genauigkeit überprüft. Dabei konnte gezeigt werden, dass der Bogen hervorragende Sensitivitätswerte erreichte, die Ergebnisse hinsichtlich seiner Spezifität jedoch noch nicht zufriedenstellend ausfielen.


Flächendeckende Implementierung von hilfesystemübergreifenden Qualitätszirkeln zum Thema Frühe Hilfen in Baden-Württemberg

Marcus Siebolds, Sysco GmbH Köln; Brigitte Münzel; Roland Müller; Sigrun Häußermann, Mechthild Paul; Cornelia Kahl 

Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte sind bedeutende Partnerinnen und Partner im Netzwerk Früher Hilfen, die jedoch bislang noch nicht ausreichend eingebunden sind. Um Kooperation und Vernetzung zu fördern, wurde in Baden-Württemberg das Instrument der Ärztlichen Qualitätszirkel hilfesystemübergreifend weiterentwickelt, flächendeckend implementiert und wissenschaftlich begleitet. Über die daraus gewonnenen Erkenntnisse berichten Marcus Siebolds und Koautorinnen und -autoren.


Das Elterngespräch in pädiatrischen Früherkennungsuntersuchungen im Kontext Früher Hilfen

Michael Barth, Universitätsklinikum Freiburg

Wichtige Hinweise für das Gelingen einer feinfühligen und motivierenden Kommunikation in der pädiatrischen Praxis entwickelt Michael Barth auf Grundlage mehrerer Studien, in denen das praktische Handeln und die Gespräche der Akteure in Früherkennungsuntersuchungen authentisch aufgezeichnet wurden.


Gesundheitsfachkräfte in den Frühen Hilfen – Hat sich ihr Einsatz bewährt?

Ilona Renner, Nationales Zentrum Frühe Hilfen, Köln; Sara Scharmanski 

Ein Förderschwerpunkt der Bundesinitiative Frühe Hilfen ist der Einsatz von Familienhebammen und Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegenden. Dieses Angebot wird Familien häufig unterbreitet, wenn deren psychosozialer Hilfebedarf in der Geburtsklinik, in der Kinder- und Jugendärztlichen Praxis oder an anderer Stelle auffällt. Ilona Renner und Sara Scharmanski gehen auf Grundlage einer Längsschnittstudie mit Angaben zu 937 Familien der Frage nach, in welcher Hinsicht Eltern und Kinder von der Inanspruchnahme dieses Angebotes profitieren können.


Kindesmisshandlung und neue Morbidität in der Pädiatrie – Konsequenzen für Frühe Hilfen und Kinderschutzmaßnahmen

Heinz Kindler, Deutsches Jugendinstitut e. V.

Im Anschluss an seine Forschungsübersicht stellt Heinz Kindler fest, dass die Wirkung Früher Hilfen hinsichtlich der Entwicklung eines adäquaten Stressreaktionsmusters bzw. der Vermeidung physiologischer Fehlreaktionen bisher noch nicht hinreichend untersucht wurde, einzelne Befunde jedoch ermutigende Botschaften enthalten.

Kinderrechte, Elternrechte und staatliches Wächteramt – Wann darf der Staat in die elterliche Autonomie eingreifen?

Jörg Maywald, Deutsche Liga für das Kind, Berlin

Abschließend diskutiert Jörg Maywald das Verhältnis von Kinderrechten, Elternrechten und staatlichem Wächteramt.

Quellen: Abstracts der Autorinnen und Autoren im BundesgesundheitsblattNr. 10/2016

Originalpublikationen:
Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 
October 2016, Volume 59, Issue 10, pp 1245–1342, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016

Im Heft Nr. 11/2010 der Monatszeitschrift „Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz" befassen sich unter dem Titel „Frühe Hilfen zum gesunden Aufwachsen von Kindern“ die Autorinnen und Autoren unter anderem mit der Gesundheitsförderung bei Kindern, Familienhebammen sowie der elterlichen Feinfühligkeit bei psychosozialen Belastungen.

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„Frühe Hilfen zum gesunden Aufwachsen von Kindern" sind das Thema des Hefts Nr. 10/2010 der Monatszeitschrift „Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz". Im Heft sind unter anderem Beiträge zu Risikoscreenings sowie Zugangswegen Früher Hilfen erschienen.

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Publikationen

Hrsg.: Springer Verlag Berlin Heidelberg, Robert Koch Institut (RKI), Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation (DIMDI), Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Paul-Ehrlich-Institut (PEI), 2016 (10/2016)
Hrsg.: Springer Medizin Verlag, Robert Koch Institut, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation (DIMDI), Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Paul-Ehrlich-Institut, 2010 (Nr. 11/2010)
Hrsg.: Springer Medizin Verlag, Robert Koch Institut, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation (DIMDI), Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Paul-Ehrlich-Institut, 2010 (Nr. 10/2010)