Thema: Gemeinsam Zwischenbilanz nach anderthalb Jahren Bundesinitiative Frühe Hilfen ziehen

Auswertungszeitraum: 04. August bis 30. November 2014

 

Schlaglicht auf die Diskussion:

„Wir brauchen in allen Handlungsfeldern der Frühen Hilfen klare Konzepte und Haltungen. Und dafür werden wir sicher noch mindestens den zweiten Förderzeitraum benötigen - oder prozesshaft gedacht: fertig werden wir damit nie...“ (Knut Schneider, Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald)
Nach anderthalb Jahren Bundesinitiative ist Vieles auf den Weg gebracht: verschiedenste Projekte wurden auf- oder ausgebaut, Netzwerke und Angebote der Frühen Hilfen sind in den Kommunen fest verankert. Trotz des guten Startes und der bisherigen Erfolge sehen die Diskutierenden auch Optimierungspotenzial. Unter anderem sollten einzelne Förderbereiche gestärkt und flächendeckend etabliert werden. Somit bestehen zu Beginn des zweiten Förderzeitraums noch einige offene Fragen.

Guter Start – viele Aktivitäten umgesetzt und weiterentwickelt

Dass sich seit dem Start der Bundesinitiative Frühe Hilfen viel entwickelt hat und vieles aufgebaut wurde, darin sind sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Online-Diskussion zur Zwischenbilanz der Bundesinitiative einig. In ihrem Bericht hebt Dr. Frauke Zahrradnik (Stadt Karlsruhe) hervor, dass seit Beginn der Bundesinitiative die „politische Akzeptanz“ der Frühen Hilfen „nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in den Kommunen“ stark gestiegen ist. Wesentlich dazu beigetragen hätten die in den Frühen Hilfen neu eingesetzten Netzwerkkoordinatorinnen und Netzwerkkoordinatoren für den Aufbau der Netzwerke Frühe Hilfen. Auch Karin Bremsteller (Hamm) betont, genau durch diesen Beitrag seien „Frühe Hilfen in unserer Stadt präsenter gemacht“ worden.

Durch die Förderung mit den Bundesmitteln in den vier Bereichen (1. Netzwerkaufbau, 2. Familienhebammen, 3. Ehrenamtsstrukturen und 4. Sonstige) sei „in mancher Hinsicht [der] Stein ins Rollen gebracht und die Umsetzung erleichtert“ worden. Michael Raida (Alsdorf) stellt fest, dass viele Projekte „vermutlich ohne die Bundesinitiative nie entstanden wären“ und dass insbesondere durch „gute und strukturierte Arbeit“ sowie den „zahlreichen Vorgaben/Empfehlungen“ aus der Bundesinitiative eine gute Umsetzung in den Kommunen erst ermöglicht wurde. Er berichtet, durch die Kooperation einzelner Kommunen, die sich zu einem Verbund zusammengetan haben, sei erst die Umsetzung einiger Maßnahmen im Kontext der Frühen Hilfen ermöglicht worden. Auch Viviane Röhr (Dresden) bestätigt, dass durch die Bundesinitiative die Frühen Hilfen „qualitativ und quantitativ“ ausgebaut wurden.

In einigen Kommunen waren Angebote der Frühen Hilfen bereits vor der Bundesinitiative etabliert, beispielsweise der Einsatz von Familienhebammen oder die „wellcome-Besuche“, die von Ehrenamtlichen durchgeführt werden. Volker Sommerhoff (Kreis Olpe) berichtet, vor der Bundesinitiative hätte der Schwerpunkt bei den Angeboten der Frühen Hilfen auf der Gesamtkoordination der Angebote gelegen. Mit Beginn der Bundesinitiative habe sich der Fokus „auf [den] individuellen Auf- und Ausbau der Frühen Hilfen“ verlagert.

Anna Staab (PEKiP e.V.) stimmt den vorangegangen Aussagen ihrer Diskutantinnen und Diskutanten soweit zu, dass viel passiert ist. Jedoch merkt sie kritisch an, dass „wirksame, nachhaltige Programme nur vereinzelt und regional sehr unterschiedlich gefördert werden“.

Weiterer Ausbau von präventiven Angeboten

Neben den positiven Erfahrungen, die in den anderthalb Jahren seit Bestehen der Bundesinitiative gemacht wurden, weisen die Diskutierenden auch darauf hin, dass es noch einiges zu verbessern gibt. Viviane Röhr (Dresden) betont in Ihrem Beitrag, der Bedarf nach „guten präventiven Hilfen“ sei sehr hoch und daher sollten Angebote der Frühen Hilfen weiter „flächendeckend ausgebaut“ werden. Volker Sommerhoff (Kreis Olpe) hebt hervor, dass die Kommunen „unterschiedlich weit in ihrem Auf- und Ausbaustand sowie in der Priorisierung der für sie wichtigen Schritte“ seien.

Die Angebote der Förderbereiche „Familienhebammen und vergleichbare Berufsgruppen“ und „ehrenamtliches Engagement im Kontext der Frühen Hilfen“ zählen zu den präventiven Maßnahmen der Bundesinitiative. Bereits die Publikation „Leitfaden für Kommunen – der Einsatz von Familienhebammen in Netzwerken Früher Hilfen“ hebt hervor, dass Familienhebammen sich längst in den Frühen Hilfen etabliert haben und dort eine wichtige Schlüsselposition einnehmen.¹ Sie wurden bereits vor der Bundesinitiative im Rahmen der Frühen Hilfen als „grundlegend wichtig erachtet“. Ihr Einsatz wurde durch das Bundeskinderschutzgesetz und mit Beginn der Bundesinitiative jedoch noch „aufgewertet“, wie Volker Sommerhoff (Kreis Olpe) feststellt. „Familienhebammen erleichtern den Zugang zu weiterführenden Hilfen“, betont Ricarda Luschtinetz (Familienhebamme).

Auch ehrenamtliche Strukturen wurden schon vor der Bundesinitiative in den Frühen Hilfen etabliert. Ein Beispiel ist das präventive Angebot „wellcome“, bei dem ehrenamtliche Personen Familien in ihrem Alltag mit den Kindern unterstützen und auf diese Weise Entlastung bringen, wie Katja Brendel (wellcome Landeskoordinatorin Berlin) berichtet. Eva Pertzborn (wellcome gGmbH Hamburg) findet es bedauerlich, dass die ehrenamtlichen Strukturen „bisher nicht zentral durch das NZFH evaluiert“ wurden, um den Nutzen in den Netzwerken der Frühen Hilfen zu überprüfen. Sie befürchtet eine „ungleiche Behandlung“, die eine „nachhaltige Finanzierung“ für diesen Förderbereich erschwere.

Ulrike Hamburg-Krebs (wellcome Landeskoordinatorin Dortmund) erwähnt in ihrem Beitrag, dass sie sich für die zweite Förderphase eine Differenzierung der Begrifflichkeiten im Kontext der ehrenamtlichen Strukturen und der ehrenamtlichen Projektnamen wünscht. Es ist „immer wieder von Familienpatenschaften und / oder Patenprojekten die Rede“. Um Irritationen in der „weiten Landschaft im Bereich der Ehrenamtsstrukturen“ zu vermeiden, sollte eine Klärung der Begrifflichkeiten und ihrer Bedeutung in der zweiten Projektphase „sofort in Angriff“ genommen werden.

Zusammenarbeit in den Netzwerken ist erfolgreich, mit dem Gesundheitswesen aber noch ausbaubar

Ein Förderschwerpunkt der Bundesinitiative Frühen Hilfen ist der Auf- und Ausbau der Netzwerke Frühe Hilfen. Wichtigster Bestandteil der Netzwerke ist die Zusammenarbeit professionsübergreifender Netzwerkmitglieder. Knut Schneider (Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald) berichtet, dass sich „fast alle im §3 KKG benannten Berufsgruppen“ am regionalen Netzwerk beteiligen und eine „Annäherung erlebbar ist“. In Hamm wurde von Anfang an die Netzwerkkoordination in Kooperation mit dem Gesundheitsamt gestaltet. Daraus hat sich „wechselseitig mehr Verständnis“ und eine „gute Zusammenarbeit“ entwickelt, wie Karin Bremsteller (Hamm) betont.

Bettina Wolff (Erfurt) beschreibt in ihrem Beitrag, dass es auch in Erfurt gelungen ist, Akteure aus dem Gesundheitswesen in das Netzwerk Frühe Hilfe zu integrieren. Die ersten Kooperationsvereinbarungen wurden unterschrieben und die Zusammenarbeit mit den Ärzten hat sich in Erfurt „zunehmend stabilisiert“. Gemeinsam mit einem großen Erfurter Klinikum wurden Vereinbarungen zur aktiven Zusammenarbeit und Ausrichtung einer gemeinsamen Fachveranstaltung getroffen.

Obwohl die Zusammenarbeit zwischen Jugend- und Gesundheitsbereich sich vereinzelt schon gut etabliert hat, sei die Beteiligung von Ärztinnen und Ärzten sowie Hebammen „noch immer eine Herausforderung“, wie Karin Bremsteller (Hamm) bemerkt. Dem stimmt auch Ricarda Luschtinetz (Familienhebamme) zu. Sie berichtet, dass die Beteiligung von „Akteuren aus dem Gesundheitswesen“ in den Netzwerken weiterhin „unterrepräsentiert“ ist. Zudem sei „wenig Wissen um die Strukturen des jeweiligen Arbeitsbereiches“ vorhanden. Da die „Netzwerktätigkeit [...] im SGB V […] nicht berücksichtigt“ wird, werde den Akteuren aus dem Gesundheitswesen die Teilnahme an den Netzwerken Frühe Hilfen erschwert. Michael Raida (Alsdorf) erwähnt, dass „regelmäßige strategische Abstimmungen“ einen „Transfer der Inhalte in beide Richtungen […] [garantieren]“.

Susanne Absalon (Bonn) stimmt der Themenauswahl zur zweiten Förderphase zu. Sie betont in ihrem Beitrag, dass neben den bereits genannten Themen auch „die Entwicklung von Qualitätskriterien für die Netzwerkarbeit“ wichtig sei.

Ausblick – Es ist noch einiges zu tun…

Insgesamt ist die Bundesinitiative in den Augen der Diskutantinnen und Diskutanten sehr gut gestartet. Susanne Absalon (Bonn) konstatiert: „Wir blicken auf eine erfolgreiche Zeit zurück.“ Mit Blick auf den zweiten Förderzeitraum zeigt sich, dass neue Aspekte integriert, und viele Fragen noch zu klären sind.

Ein Thema, das immer wieder beschäftigt, ist die „Abgrenzung bzw. Differenzierung [Frühe] Hilfen [zum] Kinderschutz“, wie Britta Westen (Landkreis Gießen) berichtet. Sie fasst zusammen, dass Kommunen und Akteure viel über Frühe Hilfen reden, aber ein sehr unterschiedliches Verständnis davon haben. Dem stimmt Viviane Röhr (Dresden) zu. Sie hebt in ihrem Beitrag hervor: „Frühe Hilfen und Kinderschutz stehen oft im Spannungsverhältnis“ und äußert die Befürchtung, dass besonders „Familienhebammen als ‚billige’ Familienhilfe oder Kontrollinstanz […] missbraucht werden. Da werden Frühe Hilfen ad absurdum geführt“.

Weiterhin beschäftigt vielfach die Frage, wie es nach der Bundesinitiative weitergehen wird. Durch viele neue Herausforderungen wie „Armutszuwanderung und steigende Asyl-bewerberzahlen“ würden Kommunen an ihr „finanzielles Limit“ gebracht, so Karin Bremsteller (Hamm). Umso wichtiger sei es, „rechtzeitige Informationen über die Höhe der Stiftungsmittel“ zu bekommen. Damit könnten begonnene Maßnahmen und Kooperationen rechtzeitig geplant und weitergeführt werden. Anna Staab (PEKiP e.V.) empfiehlt, auf „bestehende, tragfähige Strukturen zu setzen, als immer wieder neue Projekte zu initiieren“.

Danilo Langer (Landkreis Uckermark) hält fest, dass „regionale Akteure“ ihre Befürchtung geäußert haben, dass durch die Bundesinitiative „Konkurrenzstrukturen aufgebaut“ werden, da die Förderung von Projekten, die vor der Bundesinitiative bestanden, nur begrenzt möglich sind und „ein Bereich gefördert wird, in dem bereits viele Angebote bestehen“. Auch wenn noch einige Fragen offen und weitere Schritte zu gehen sind, ist der Ausblick auf den zweiten Förderzeitraum und darüber hinaus sehr positiv. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Netzwerkarbeit weiter gut läuft, neue Ideen und Projektumsetzungen liegen auf dem Tisch“ so Karin Bremsteller (Hamm).

¹ Vgl. U. Lange & C. Liebald (2013): Warum wird von Familienhebammen als Lotsin innerhalb des Netzwerkes Früher Hilfen gesprochen? In: Nationales Zentrum Frühe Hilfen in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Leitfaden für Kommunen – Der Einsatz von Familienhebammen in Netzwerken Früher Hilfen. Köln. S.40-45

Die Zusammenfassung der Diskussion zum Herunterladen:

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