Frühe Hilfen in Österreich

gesundes österreich

Ein Gespräch mit Dr. Sabine Haas, Soziologin, stellvertretende Leiterin der Abteilung „Gesundheit und Gesellschaft“ an der Gesundheit Österreich (GÖG). Sie koordinierte von 2011 bis 2014 das vom österreichischen Gesundheitsministerium beauftragte Grundlagenprojekt „Frühe Hilfen“ und leitet das seit Januar 2015 eingerichtete Nationale Zentrum Frühe Hilfen in Österreich.

Frau Dr. Haas, anders als bei uns wurden die Frühen Hilfen in Österreich aus dem Gesundheitswesen heraus entwickelt. Welche Gründe sprachen für diesen Ansatz?

Frühe Hilfen wurden österreichweit im Zuge des Kindergesundheitsdialogs im Jahr 2010 zum Thema, wobei die Arbeiten in Deutschland eine wichtige Orientierung und Inspiration waren. Ausgangspunkt waren aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur großen Relevanz der frühen Kindheit in Hinblick auf lebenslange Gesundheit und Lebenschancen. Der Fokus in Österreich lag aber vor allem darauf, durch möglichst frühe Unterstützung von Familien Kindern ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen. Frühe Hilfen wurden damit aus einer Gesundheitsförderungsperspektive entwickelt. Besondere Priorität liegt auf der Förderung gesundheitlicher Chancengerechtigkeit. Dahinter stand auch die Überlegung, dass die Gesundheitsförderungsperspektive eher eine Ressourcenorientierung und eine positive Besetzung des Themas Frühe Hilfen ermöglicht.

Wie werden die Frühen Hilfen finanziert?

Die Finanzierung erfolgt vorrangig durch den Gesundheitsbereich, insbesondere durch die sogenannten „Vorsorgemittel“ der Bundesgesundheitsagentur¹ sowie durch die Landesgesundheitsförderungsfonds². Die Finanzierung ist vorerst befristet, langfristig jedoch noch nicht gesichert. Allerdings verlangen beide Finanzierungsquellen ein starkes Engagement der Landesverwaltung sowie der Sozialversicherungsträger. 

Wie ist der Stand der regionalen Umsetzung?

Bis Mitte 2017 soll ein flächendeckendes Angebot an regionalen Frühe-Hilfen-Netzwerken in drei Bundesländern (Vorarlberg, Burgenland und Salzburg) und eines bis drei regionale Netzwerke in den weiteren Bundesländern vorhanden sein. Regionale Frühe-Hilfen-Netzwerke sollen dann in etwa 50 (von insgesamt 120) Bezirken Österreichs verfügbar sein.

Ist es in Österreich gelungen, alle Berufsgruppen einzubinden?  

Die projektbegleitenden Gremien (Steuerungsgruppe, Fachbeirat) und eine Reihe von Aktivitäten (Interviews, Online-Befragung, Stakeholder-Workshops etc.) förderten die Befassung von Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Politikfelder, Berufsgruppen und Praxisfelder mit Frühen Hilfen. Sie erlaubte die aktive Beteiligung an der fachlichen und konzeptionellen Arbeit. Es gelang dadurch die Akzeptanz für das Thema zu erhöhen und eine Brücke zwischen Politik, Praxis und Wissenschaft zu spannen. Trotzdem ist die Einbindung verschiedenster Bereiche und Berufsgruppen eine kontinuierliche Aufgabe. 

Wie und von wem werden die Netzwerke koordiniert?

Die Koordination der Netzwerke erfolgt durch das Netzwerk-Management, das teilweise in der Landesverwaltung, teilweise bei Sozialversicherungsträgern und teilweise bei privaten Trägern im Gesundheits- oder Sozialbereich angesiedelt ist. 

Gibt es Probleme bei der Umsetzung?

Im Zuge des Grundlagenprojekts zeigte sich, dass die Konkurrenz zwischen Berufsgruppen zu wachsen begann. Allerdings hat sich diese Entwicklung mit zunehmender Praxisumsetzung eher wieder gemildert – vermutlich, da die Realität zeigte, dass im Rahmen der Frühen Hilfen für sehr viele Fachleute und Institutionen Platz ist bzw. deren Kooperation benötigt wird. 

Findet auf internationaler Ebene, ein Austausch statt? 

Der internationale Austausch – und dabei vor allem mit Deutschland – hat einen hohen  Stellenwert. Die zahlreichen deutschen Publikationen zu Frühen Hilfen – insbesondere des deutschen Nationalen Zentrums Frühe Hilfen – sowie der Austausch mit deutschen Fachleuten waren von Beginn an eine äußerst wertvolle Referenz und Unterstützung für die Arbeiten in Österreich und sind dies weiterhin 

Was sind die wichtigsten Aufgaben?

Eine zentrale Aufgabe in Österreich ist die nachhaltige Absicherung der jetzt etablierten Maßnahmen. Es wurden dafür wichtige Grundlagen gelegt, allerdings bleibt die langfristige Finanzierung eine Herausforderung. Fachlich ist es wichtig, einen breiten, multiprofessionellen Dialog rund um Frühe Hilfen im Gang zu halten und den verschiedensten Perspektiven Raum zu geben. Eine weitere Aufgabe ist es aus unserer Sicht auch, mehr Partizipation der Zielgruppen, d. h. von Familien in belastenden Lebenssituationen, in der Planung, Umsetzung und Evaluation der Maßnahmen sicherzustellen.

¹http://www.bmg.gv.at/home/Schwerpunkte/Gesundheitsfoerderung_Praevention/Vorsorgemittel/    ²http://www.bmg.gv.at/home/Gesundheitsfoerderungsstrategie

Der Informationsdienst Bundesinitiative Frühe Hilfen aktuell informiert über Entwicklungen im Bereich der Frühen Hilfen. Jede Ausgabe enthält ein Interview mit Expertinnen oder Experten der Frühen Hilfen aus Praxis, Wissenschaft oder Politik und Berichte aus den Ländern. Die Rubriken „Impulse“ und „Info kompakt“ bieten ganz konkrete Unterstützung für die Akteurinnen und Akteure der Frühen Hilfen u.a. mit Hinweisen auf Austauschmöglichkeiten, gelungene Praxisbeispiele, Neuerscheinungen und Termine.

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